Zu Besuch bei Cassina

showroom-cassina-medaZusammen mit zwei anderen Fachhändlern waren wir diese Woche bei Cassina in Meda eingeladen. Dabei hatten wir die Möglichkeit, hinter die Kulissen zu schauen und uns die ganze Produktion anzusehen.Cassina und die Andrea Doria

Die Marke Cassina ist natürlich berühmt für die Le Corbusier Möbel und die Editionsserien I MAESTRI, zu der u. a.  die Entwürfe von Le Corbusier zählen. Andere Entwerfer (oder Autoren) der  I MAESTRI Serie sind Gerrit Rietveld, Charlotte Perriand, Pierre Jeannert, Franco Albini, Frank Lloyd Wright, Charles Rennie Mackintosh oder Gunnar Asplund. Die Bezeichnung I MAESTRI (bzw. Meister) ist übrigens in Italien eine gesetzliche Festlegung und beinhaltet verschiedenste Anforderungen und Auflagen der jeweiligen Stiftung des Designers.

Neben diesen Designklassikern, die Cassina ab den 1960er Jahren auflegte, umfasst das Programm des italienischen Herstellers auch zahlreiche zeitgenössische Entwürfe, die erstmalig bei Cassina entstanden. Viele dieser Entwürfe wie exemplarisch der berühmte Stuhl Superleggera von Gio Ponti sind dabei heute selbst Klassiker. Diese Objekte von Entwerfern wie Mario Bellini, Carlo de Carli, Vico Magistretti, Gaetano Pesce oder Gianfranco Frattini werden von Cassina unter dem Begriff I CONTEMPORANI zusammengefasst. Ergänzt wurden die beiden Kollektionen 2013 um die umfangreiche Kollektion SIMON der italienischen Designlegende Gino Gavina. Hierzu zählen die Entwürfe von Marcel Breuer, Man Ray, Meret Oppenheim, Tobias Scarpa oder Kazuhide Takahama. Heute gehört Cassina zusammen mit den Schwestermarken Poltrona Frau und Cappellini zur Haworth Gruppe.

Jetzt aber zur Andrea Doria, einem Schiff, was vielen Deutschen durch das tragische Schicksal und durch den späteren Song von Udo Lindenberg bekannt wurde. Cassina wurde bereits 1927 von den beiden Brüdern Cesare und Umberto Cassina  gegründet, Sitz der Firma ist Meda nördlich von Mailand in der Region Bianza. Und der große Durchbruch kam tatsächlich mit den Bau des Luxusliners Andrea Doria, dem schnellsten und edelsten Passagierschiff der italienischen Flotte der 1950er Jahre. Denn für die hochwertige Inneneinrichtung war u.a. Gio Ponti verantwortlich, der wiederum Cassina mit „ins Boot“ brachte. Cassina realisierte die umfangreiche Möblierung auf höchsten Niveau, die Andrea Doria galt später als einer der schönsten Luxusliner überhaupt. Grund dafür war auch die Inneneinrichtung, die damals mit zahlreichen Kunstwerken versehen war. Diesem Großauftrag folgten später noch viele andere Aufträge für Schiffsmöblierungen, auch entstand so eine intensive Zusammenarbeit mit Gio Ponti.

Cassina-showroomUnser Besuch begann mit der Besichtigung des eleganten Cassina Showrooms in Meda. In dem historischen Gebäude wohnte übrigens früher selbst die Cassina Familie. Ein besonderes Augenmerk verdienten in dem Showroom (neben den Möbeln) die Säulen – gestaltet von Tobias Scarpa.

CassinaNach einer Einführung wurden wir durch die umfangreiche Polsterei geführt. Beindruckend war dabei das hohe Qualitätsniveau und die detaillierte Kontrolle der Bezugsmaterialien wie Leder und die zahlreichen Stoffe. Vor der Verarbeitung werden diese alle maschinell und per Hand auf Fabrikationsfehler überprüft. Dort konnten wir auch zahlreiche innovative Technologien von Cassina kennen lernen,  wie die gemeinsam mit Le Corbusier entwickelten Schaumstoffe für die LC-Möbel aus dem Jahr 1964 oder das Innenleben des Maralunga Sofas.

Cassina2Cassina-schreinereiFotos: Fertigung des Zig Zag Chairs von Gerrit Rietveld und des Barrel Chairs von Frank Lloyd Wright bei Cassina in Meda

Nach der Mittagspause ging es dann zu Schreinerei. Erstaunt konnte der Autor feststellen, dass hier die Herstellung der Holzmöbel immer noch mit sehr viel Handarbeit durchgeführt wird, verbunden mit einem sehr hohen Qualitätsanspruch. Durchdachte  und hochkomplizierte Zapfenverbindungen, die aus dem Holz gefräst werden, verbinden zum Teil die Holzelemente. Italienisches Design auf höchsten Niveau!

Cassina-detailFoto: Durchdachte Steckverbindungen des La Rotonda Tisches von Mario Bellini

Beeindruckend auch die Abteilung zur Herstellung der Cap Lederstühle von Mario Bellini. Gefertigt aus dickem Kernleder werden die Nähte dabei von zwei Personen gleichzeitig angebracht. Auch hier wieder – der dabei sehr hohe Qualitätsanspruch. Das Leder als Naturmaterial wird manuell umfangreich auf eventuelle Fehler geprüft.

Das Atelier von Achille Castiglioni

Der nächste Tag war der Stadt Mailand gewidmet und begann direkt mit einer großen Überraschung – dem Besuch des Ateliers von Achille Castiglioni. Dieses kleine Museum, was heute von seiner Tochter Giovanna Castiglioni geleitet wird, kann man Designinteressierten nur wärmstens empfehlen.

Castiglioni

Foto: Giovanna Castiglioni und Sven Vorderstrase im Ateliervon Achille Castiglioni

Nirgendwo lässt sich das spielerische Designkonzept des italienischen Designers besser nachvollziehen und seine aussergewöhnliche Gabe, Alltagsgegenstände in Designobjekte zu transformieren. Giovanna Castiglioni selbst leitete uns durch das Atelier und erläuterte das Werk ihren Vaters – verbunden mit zahlreichen Anekdoten. Dabei zu entdecken: Ikonen wie der berühmte Original-Mezzadro-Hocker aus den 1950er Jahren oder der Prototyp des Sella WackelhockersBarrel-Chairs.

Atelier
Foto: Prototypen und Designstudien von Achille Castiglioni

Anschließend ging es für die Teilnehmer nochmals zum Mailänder Showroom von Cassina (auch sehr sehenswert); anschließend rundete der Besuch der Ausstellungen von Nemo, Flos, Nilfugar, Fontana Arte und Cappellini unseren Aufenthalt in Italiens Design- und Modemetropole ab.Foto[4]

Foto: Regal Nuage von Charlotte Perriand im Showroom von Cassina in Mailand.