Pressglas neu betrachtet: Bölgeblick von Aino Aalto und Heilbronn von Wilhelm Wagenfeld

Zwei Rillendekore, ein Werkstoff, zwei völlig unterschiedliche Beweggründe: Ab dem 5. September 2026 zeigen wir in unserem Showroom in Köln eine neue Ausstellung, die sich dem europäischen Pressglas der frühen 1930er Jahre widmet – mit der Bölgeblick Serie von Aino Aalto für die finnischen Karhula-Iittala Glaswerke und der Serie Heilbronn von Wilhelm Wagenfeld für die Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG). Beide Entwürfe tragen ein geripptes Dekor, beide entstanden fast zeitgleich – und doch verfolgten die beiden Gestalter mit ihren Rillen gegensätzliche Ziele.

Was ist Pressglas?

Pressglas entsteht, indem flüssige Glasmasse in eine Form gepresst statt frei geblasen wird. Das Verfahren machte Glas ab dem 19. Jahrhundert industriell in großen Stückzahlen herstellbar und damit erschwinglich – ein Gegenentwurf zum handwerklich mundgeblasenen Luxusglas. Der Preis dieser Effizienz waren jedoch häufige Produktionsmängel: Luftblasen, ungleichmäßige Wandstärken und sichtbare Pressnähte galten lange als hinnehmbare Schwächen eines „billigen" Materials. Genau an diesem Punkt setzen die beiden Entwürfe unserer Ausstellung an – wenn auch mit sehr unterschiedlichen Antworten.

Die Ausstellung ab 5. September im Markanto Depot in der Kölner Südstadt

In unserem Kölner Showroom in der Südstadt (Mainzer Straße 26, 50678 Köln) stellen wir ab dem 5. September ausgewählte Originale beider Serien aus den 1930er Jahren nebeneinander aus: Gläser, Teller oder Schalen, die trotz ihrer nüchternen Alltagsbestimmung zu Ikonen des europäischen Glasdesigns wurden. Als Fachhändler für Designklassiker seit 1999 ordnen wir die Stücke dabei bewusst in ihren historischen Entstehungskontext ein – die frühen 1930er Jahre, eine Zeit, in der Funktionalismus und wirtschaftliche Not das Gestalten von Gebrauchsglas gleichermaßen prägten. Zur Eröffnung am Samstag, den 5. September, erwarten Sie der erste Federweißer der Saison, wir freuen uns auf Ihren Besuch.

Bölgeblick von Aino Aalto: Rillen als Kaschierung

1932 entwarf Aino Aalto, Ehefrau und Geschäftspartnerin von Alvar Aalto sowie spätere Geschäftsführerin von Artek, ihre berühmte Glasserie Bölgeblick für einen von den Karhula-iittala Glaswerken ausgeschriebenen Designwettbewerb. Der Name bedeutet sinngemäß „Wellenblick" und bezieht sich auf die konzentrischen, treppenartig abgestuften Rillen, die an die Ringe erinnern, die ein ins Wasser geworfener Stein erzeugt. Diese Optik war jedoch kein reiner Selbstzweck. Das Pressglas jener Zeit enthielt häufig Luftbläschen, die bei einer glatten, transparenten Oberfläche sofort ins Auge gefallen wären. Aaltos Rillenstruktur bricht das Licht so, dass genau diese Unregelmäßigkeiten optisch verschwinden – ein pragmatischer Kniff, der aus einem Produktionsmangel ein gestalterisches Markenzeichen macht. Der Entwurf belegte beim Wettbewerb 1932 den zweiten Platz, ging 1934 in Serie und wurde 1936 auf der Triennale in Mailand mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Bis heute produziert Iittala die Serie – ein seltener Fall, in dem aus einer technischen Notlösung ein zeitloser Klassiker wurde.

Heilbronn von Wilhelm Wagenfeld: Rillen als reines Gestaltungsmittel

Auf den ersten Blick wirkt die Serie Heilbronn, die Wilhelm Wagenfeld Anfang der 1930er Jahre für die Vereinigten Lausitzer Glaswerke in Weißwasser entwarf, wie eine deutsche Antwort auf Bölgeblick: gepresstes Glas, konzentrisch gerillte Wandungen, gedacht für den täglichen Gebrauch. Wagenfeld war ab 1931 zunächst als freier Gestalter, ab 1935 dann als künstlerischer Leiter für die VLG tätig und machte es sich dort zur Aufgabe, ausgerechnet das als „Billigmaterial" verachtete Pressglas aufzuwerten – unter dem programmatischen Motto, dass auch das allereinfachste Glas schön sein könne. Aber bereits 1932 entwarf auch Wilhelm Wagenfeld schon Pressglas mit einem Rippendekor für die Jenaer Glaswerke, ein früher Teller ist ebenso Exponat unserer Ausstellung. Das Rippendekor oder gerillte Dekor lag damals in der Luft, so setzte es die Bauhäuslerin Marguerite Friedlaender bereits als Dekor für ihre Prozellanserie Burg Giebichenstein um 1930 ein.

Der entscheidende Unterschied der Serie Heilbronn von Wilhelm Wagenfeld zur Serie Bölgeblick von Aino Aalto liegt jedoch im technischen Anspruch: Wagenfeld ging es nicht darum, Fehler zu verstecken, sondern darum, sie von vornherein zu vermeiden. Er ließ die Glasmasse so gründlich durchmischen und die Pressnähte gezielt an den oberen Rand der Gefäße legen, wo sie durch Feuerpolitur – also nachträgliches Überschmelzen – vollständig verschwanden. Bei der Serie Heilbronn ist die Rillung deshalb tatsächlich freie gestalterische Entscheidung: ein rhythmisches, dekoratives Element, das die Form gliedert und Licht einfängt, ohne dass die Technik dahinter etwas zu kaschieren hätte.

Der Vergleich zeigt, wie unterschiedlich zwei Gestalter im selben Jahrzehnt auf dieselbe Materialfrage reagierten. Aino Aalto machte aus einer Schwäche der Pressglastechnik eine Tugend, während Wilhelm Wagenfeld die Technik selbst weiterentwickelte, um sich vom Dekor als Kaschierungsmittel unabhängig zu machen – und die Rille stattdessen frei als Formsprache einsetzen konnte.

Warum Pressglas heute wieder aktuell ist

Gerade weil beide Serien einst für den einfachen Alltagsgebrauch gedacht waren, sind Originale aus dieser Zeit heute begehrte Sammlerstücke: erschwinglich in der Anschaffung im Vergleich zu mundgeblasenem Glas jener Epoche, aber mit einer klaren, nachvollziehbaren Designgeschichte. Wer die feinen Unterschiede in Rillentiefe, Glasfarbe und Verarbeitung mit eigenen Augen sehen möchte, ist herzlich eingeladen, sich die Gegenüberstellung ab dem 1. August in unserem Showroom in Köln anzusehen. Abgerundet wird die Ausstellung natürlich auch durch Bölgeblick Glasobjekte aus der aktuellen iittala-Produktion.

Wir bedanken uns bei dem Wagenfeld-Experten Christoph Wowarra für seine Unterstützung.

 

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