543 Broadway-Kollektion von Gaetano Pesce: Geschichte einer Designikone
Neben unserer Ausstellung über Knoll International präsentieren wir zur IDD Cologne erstmalig die neue Edition des 543 Broadway Chair von Gaetano Pesce in Deutschland. Der Entwurf der künstlerischen Möbelserie stammt aus dem Jahr 1993 und zählt nach unserer Meinung zu den wichtigsten Designkonzepten der 1990er Jahre.
Es gibt nicht viele Möbel, die nach einer Adresse benannt sind. Die 543 Broadway Kollektion von Gaetano Pesce trägt die Hausnummer seines Studios im New Yorker Stadtteil SoHo im Namen, und das ist mehr als eine biografische Notiz. Der Name verweist auf den Ort, an dem Pesce seine radikalsten Ideen zur industriellen Fertigung entwickelte, und auf die Stadt, die ihm ab 1980 neue Impulse gab. 1993 entstand dort ein Stuhl, der die Gewissheiten des seriellen Möbelbaus infrage stellte: farbiges Harz statt Holz, Federn statt starrer Beine und kein Exemplar wie das andere. Mehr als drei Jahrzehnte später bringt Meritalia die Kollektion nun als limitierte Edition in zwei Farben zurück, gefertigt in Zusammenarbeit mit Pesces eigener Werkstatt.
Um den Broadway Chair zu verstehen, lohnt ein Blick auf den Weg seines Entwerfers. Gaetano Pesce studierte Architektur in Venedig und wandte sich früh gegen den Rationalismus der Moderne mit seinem Ideal der perfekten, identisch reproduzierbaren Form. International bekannt wurde er 1969 mit der Serie Up und dem Sessel La Mamma, einem vakuumverpackten Schaumstoffmöbel, das sich beim Öffnen der Verpackung zu voller Größe aufblähte. Ab 1972 leitete er das experimentelle Label Bracciodiferro von Cassina und begann im selben Jahr, mit Kunstharz zu arbeiten. Eines der ersten Ergebnisse war der Golgotha Chair aus einem harzgetränkten und dadurch versteiften Tuch. Harz blieb fortan sein Material: Es ließ sich gießen, einfärben und erstarrte nie ganz gleich. Genau diese Unberechenbarkeit machte Pesce zum Programm. Nach seinem Umzug nach New York frühen 80er Jahren entstanden in dieser Phase unter anderem das Sofasystem Tramonto a New York und schließlich die Broadway-Serie.
Den Broadway Chair entwarf Pesce ursprünglich für den italienischen Hersteller Bernini. Ein schlankes Metallgestell trägt Sitz und Rückenlehne aus Epoxidharz, die Füße stehen auf großen Federn. Wer sich setzt, spürt ein leichtes Nachgeben nach vorn, hinten und zur Seite. Der Stuhl reagiert auf die Bewegungen des Körpers, statt ihn in eine feste Haltung zu zwingen, und darin steckt Pesces grundsätzliche Abneigung gegen alles Starre und Statische. Neben der vierbeinigen Grundform entstand die neunbeinige Variante, die mit ihrem dichten Wald aus federnden Stelzen an ein Insekt erinnert und bis heute zu den bekanntesten Stühlen seines Werks zählt. Das Harz wird in eine Form gespritzt, in der sich die Farben frei vermischen. Schlieren, Verläufe und Einschlüsse entstehen zufällig, und so leuchtet jeder Stuhl in einer eigenen, an Pop Art erinnernden Farbigkeit. Ein frühes Exemplar befindet sich heute in der Sammlung des Museum of Fine Arts Boston, und die Bernini-Originale der 1990er Jahre sind auf Auktionen und im Vintage-Handel begehrte Sammlerstücke.
Designhistorisch ist die 543 Broadway Kollektion eines der klarsten Beispiele für ein Konzept, das Pesce über Jahrzehnte verfolgte: die „Mass-Produced Originals“. Gemeint ist eine industrielle Serienfertigung, die dennoch Unikate hervorbringt, weil Material und Prozess bewusst offen bleiben. 2002 trieb er diese Idee mit der Möbelserie Nobody’s Perfect weiter, für die er die diversifizierte Serienfertigung entwickelte, bei der in der Produktion gezielt kleine Abweichungen entstehen. Mit dieser Haltung gehört Pesce zu den prägenden Figuren des italienischen Radical Design und der Postmoderne. Er wandte sich nicht von der Moderne ab, erweiterte sie aber um unperfekte, warme und emotionale Qualitäten. Die Designkritikerin Suzanne Slesin beschrieb seinen Ansatz einmal so, dass Design für Pesce eine Methode sei, den Zustand der Welt zu kommentieren. Seine Arbeiten befinden sich in den Sammlungen des MoMA, des Victoria & Albert Museum und des Vitra Design Museums, das Centre Pompidou und die Mailänder Triennale widmeten ihm mehrere Einzelausstellungen.
Dass ausgerechnet Meritalia die Broadway-Kollektion neu auflegt, ist folgerichtig. Seit seiner Gründung 1987 verfolgt das Unternehmen die Idee, ein unkonventionelles Wohnvokabular des Pop-Modernismus zu schaffen. Es feiert Heterogenität statt Stabilität und versteht Alltagsobjekte als begehrenswerte Dinge zwischen Kunst und Design. Meritalia sieht sich als Inkubator vielfältiger Kreativität, als Spiegel einer Gesellschaft, die sich ständig selbst hinterfragt. Kein Entwerfer verkörpert diesen Anspruch so sehr wie Gaetano Pesce, der wichtigste Designer im Portfolio der Marke. Das organisch geformte Sofa La Michetta, der Sessel Senzafine und das Sofa Nubola sind Ausdruck dieser langen Zusammenarbeit. Daneben gehören Klassiker wie Mario Bellini und Achille und Pier Giacomo Castiglioni ebenso zur Kollektion wie Carlo Contin, Giulio Lacchetti und zeitgenössische Stimmen wie Misha Kahn und Faye Toogood. Heute bildet Meritalia gemeinsam mit Gufram und Memphis Milano die Italian Radical Design Group und präsentierte sich auf dem Salone del Mobile 2026 mit der gemeinsamen Installation „Radical Home“. Gaetano Pesce selbst starb 2024. Die Neuauflage entsteht daher in enger Zusammenarbeit mit seiner Werkstatt, die das besondere Know-how der Harzverarbeitung bewahrt. Nur so lassen sich die charakteristischen Farbverläufe authentisch reproduzieren, ohne die Idee des Unikats preiszugeben.
Die limitierte Edition umfasst vier Modelle in den Farben Orange und Blau. Der 543 Broadway Chair 4 mit vier federnden Beinen ist auf 99 Exemplare je Farbe limitiert, der 543 Broadway Chair 9 mit neun Beinen auf 66 Exemplare je Farbe. Neu in der Serie ist der 543 Broadway Stool, ein Hocker ohne Rückenlehne, der ebenfalls in 99 Exemplaren je Farbe aufgelegt wird. Der 543 Broadway Table verfügt über eine Tischplatte im Format 200 × 100 cm auf zwölf federnden Beinen und ist mit 33 Exemplaren je Farbe die kleinste Auflage der Edition. Durch das transparente Harz bleibt das filigrane Gestell sichtbar, und so wirkt der Tisch zugleich wie ein Möbel für den Alltag und wie eine Skulptur. Da sich die Farben bei jedem Guss neu mischen, ist auch innerhalb einer Farbe kein Stück wie das andere. Wer heute einen Broadway Chair erwirbt, besitzt also genau das, was Pesce 1993 im Sinn hatte: ein Serienprodukt, das ein Original ist.