75 Jahre Akari: Isamu Noguchis Lichtskulpturen aus Papier
1951 reiste Isamu Noguchi nach Gifu, eine japanische Stadt, die seit Jahrhunderten für ihre Papierlaternen bekannt ist. Dort skizzierte er die ersten beiden Leuchten einer Serie, die ihn über drei Jahrzehnte begleiten sollte: die Akari Light Sculptures. Im Jahr 2026 feiern die Lichtskulpturen aus Washi-Papier und Bambus ihr 75-jähriges Jubiläum mit einer großen Ausstellung im Noguchi Museum in New York.
Gifu, 1951: Die Laterne neu gedacht
Ausgangspunkt war das Chochin, die traditionelle japanische Faltlaterne, wie sie die Fischer am Nagara-Fluss bei nächtlichen Fahrten nutzten. Noguchi übernahm ihr Prinzip – ein handgefertigtes, zusammenfaltbares Gerüst aus Bambus, bespannt mit Papier, löste die Laterne aber von ihrer überlieferten Form. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte entwarf der Künstler neue, skulptural geschnittene Schirme, setzte elektrisches Licht ein und stellte die Körper auf filigrane Drahtgestelle. So entstand eine Leuchte, die zugleich zutiefst japanisch und unverkennbar modern war.
Den Namen wählte er mit Bedacht: Akari bedeutet im Japanischen Licht - und schwingt zugleich mit Leichtigkeit im Sinne von Gewichtslosigkeit. Beides beschreibt die Objekte treffend. Noguchi selbst verglich ihr Licht mit Sonnenlicht, das durch die Papierwände eines Shoji fällt: Die Härte der Elektrizität werde durch das Papier gleichsam zurückverwandelt in das Licht unseres Ursprungs, der Sonne.
Mehr als eine Leuchte: Akari als Skulptur
Isamu Noguchi war vor allem Bildhauer und in jungen Jahren der einzige Assistent von Constantin Brâncuși in Paris. Er gestaltete Gärten, Plätze, Bühnenbilder und Möbel, darunter den legendären Couchtisch, der heute von Vitra in Europa produziert wird. Die Akari betrachtete er nie als bloßes Designobjekt. Sie waren für ihn leuchtende Skulpturen, deren Wirkung erst im Raum, im Gebrauch und im Verhältnis zu den Menschen entsteht. 2022 zeigte das Museum Ludwig in Köln zeigte eine große Retrospektive über sein Werk, zu dem wir eine Auswahl der Akari Leuchten beisteuerten.
Bis in die 1980er Jahre entwickelte Noguchi mehr als 200 verschiedene Modelle: Tisch-, Steh- und Hängeleuchten, Kugeln, Zylinder, gefaltete und unregelmäßige Formen, von kleinen Tischobjekten bis zu raumgreifenden Pendelleuchten. Wie selbstverständlich er sie verstand, zeigt ein oft zitierter Satz: Alles, was man brauche, um ein Zuhause zu gründen, seien ein Raum, eine Tatami-Matte und Akari.
Handwerk aus Gifu: Ozeki & Co.
Gefertigt werden die Akari Leuchten bis heute in Gifu von Ozeki & Co., einem 1891 gegründeten Familienbetrieb, der auf traditionelle Chochin-Herstellung spezialisiert ist und die Lichtskulpturen seit 1951 produziert. Über die von Noguchi entworfenen Holzformen werden Bambusstreben gespannt, die das Gerüst und damit die Form jeder Leuchte bestimmen. Darauf kommt das Washi, ein durchscheinendes Papier aus der inneren Rinde des Maulbeerbaums. Ist der Leim getrocknet, wird die Form entnommen; der Schirm lässt sich anschließend flach zusammenlegen und in eigens entwickelten, flachen Kartons versenden. Diese Kontinuität ist bemerkenswert: Dieselbe Werkstatt, dieselbe Technik, dieselben Formen – über 75 Jahre hinweg. Die leichten Unregelmäßigkeiten im Papier und die feinen Fasern auf der Oberfläche sind keine Fehler, sondern Spuren der Handarbeit.
No Ordinary Light: Die Jubiläumsausstellung im Noguchi Museum
Das Noguchi Museum in Long Island City, Queens, ist der Ort, an dem man Noguchis Werk am unmittelbarsten erlebt: Der Künstler gründete es 1985 selbst, drei Jahre vor seinem Tod, in einem ehemaligen Industriegebäude gegenüber seinem Atelier. Zum Jubiläum zeigt das Museum vom 4. November 2026 bis zum 5. September 2027 die Ausstellung „No Ordinary Light: Akari at 75“, benannt nach Noguchis eigenem Satz, Akari sei kein gewöhnliches Licht.
Kuratiert von Kate Wiener und Matthew Kirsch, verfolgt die Installation die vielen Zusammenhänge, in denen Noguchi seine Lichtskulpturen im Laufe seiner Karriere präsentierte. Die Akari treten dabei in Dialog mit seinen Skulpturen aus Stein, Metall und Ton, in Szenen vom intimen Wohnraum bis zur monumentalen Installation. Zwei historische Momente dienen als Bezugspunkte: das Debüt der Akari bei einer Teezeremonie im Haus von Charles und Ray Eames im Jahr 1951 – und Noguchis Auftritt auf der Biennale von Venedig 1986, wo er als erster Künstler den US-Pavillon allein bespielte und die Akari selbstbewusst neben seine Steinskulpturen stellte.
Das Jubiläumsjahr hatte das Museum bereits zuvor eingeläutet, unter anderem mit der Ausstellung „Noguchi’s New York“ über die lebenslange Beziehung des Künstlers zu seiner Stadt. Wer im kommenden Jahr nach New York reist, sollte den Besuch in Queens fest einplanen – der Skulpturengarten allein lohnt den Weg.
Akari in Europa: Die Edition von Vitra
Während das Noguchi Museum die Lichtskulpturen in Nordamerika vertreibt, ist Vitra der offizielle Partner für Europa. Seit 2002 gibt das Unternehmen aus Weil am Rhein Noguchis Entwürfe in Zusammenarbeit mit der Isamu Noguchi Foundation heraus; die Akari werden dabei weiterhin von Ozeki in Gifu von Hand gefertigt. Das aktuelle Programm umfasst über hundert Modelle – von der kleinen Tischleuchte Akari1A bis zur großen Pendelleuchte Akari 75A. Eine umfangreiche Auswahl finden Sie im Markanto Depot in Köln. Im Rahmen unserer aktuellen Ausstellung zeigen wir auch seine skulpturhaften Rocking Stools von Knoll sowie ein seltenes Schachspiel des japanisch-amerikanischen Künstlers.
Wichtig für alle, die eine Akari kaufen möchten: Jede originale Lichtskulptur trägt das stilisierte Sonne-und-Mond-Signet, das zugleich an die japanischen Schriftzeichen des Namens erinnert. Es garantiert die Echtheit. Papierlaternen in ähnlicher Anmutung gibt es viele – Noguchis Formen, das Washi aus Gifu und die Handarbeit von Ozeki gibt es nur im Original.
75 Jahre später: Warum Akari zeitlos bleibt
Dass eine Leuchte aus Papier und Bambus nach drei Vierteln eines Jahrhunderts aktueller wirkt denn je, hat mit ihrer Haltung zu tun. Akari sind leicht, reparierbar, aus nachwachsenden Materialien und mit minimalem Volumen zu versenden – Qualitäten, die Noguchi nicht als Programm formulierte, sondern schlicht aus dem Handwerk übernahm. Ihr Licht ist warm und diffus, nie blendend. Und sie fügen sich in skandinavisch-reduzierte Räume ebenso wie in Interieurs voller Farbe, Kunst und Designklassiker.