Harry Bertoia: Designer, Bildhauer und die Kunst, Luft zu formen
Harry Bertoia (1915–1978) gehört zu den wenigen Gestaltern des 20. Jahrhunderts, die im Design und in der freien Kunst gleichermaßen Maßstäbe gesetzt haben. Für Knoll entwarf er 1952 die Drahtstühle rund um den Diamond Chair, die seitdem ohne Unterbrechung produziert werden. Als Bildhauer schuf er Raumteiler aus geschweißtem Metall, Skulpturen für die Architektur der Nachkriegsmoderne und schließlich die klingenden „Sonambients“. Anlass, ihn einmal wieder ausführlich vorzustellen, gibt uns ein Fund für unsere Knoll-Ausstellung: originale Presseinformationen, die Herbert Matter in den 1960er Jahren für eine Wanderausstellung von Knoll International über Harry Bertoia in Deutschland gestaltet hat – mit zahlreichen Originalfotos.
Vom Friaul nach Cranbrook: Die Lehrjahre eines Metallkünstlers
Geboren wurde Arieto „Harry“ Bertoia am 10. März 1915 in San Lorenzo d’Arzene, einem Dorf im Friaul. Mit fünfzehn Jahren wanderte er zu seinem älteren Bruder nach Detroit aus, besuchte dort eine technische Kunstschule und erhielt 1937 ein Stipendium für die Cranbrook Academy of Art in Michigan. Cranbrook war in jenen Jahren die vielleicht wichtigste Keimzelle der amerikanischen Moderne. Bertoia baute die Metallwerkstatt wieder auf, unterrichtete Metallarbeit und fertigte Schmuck, Gerät und Monotypien. Vor allem aber traf er hier jene Menschen, die seinen weiteren Weg bestimmen sollten: Eero Saarinen, Charles und Ray Eames – und Florence Schust, die spätere Florence Knoll.Schon in Cranbrook zeigt sich, was Bertoias gesamtes Werk durchzieht: Er dachte vom Material her. Metall war für ihn kein Werkstoff, dem man eine Form aufzwingt, sondern ein Medium mit eigener Sprache – biegsam, schweißbar, klingend.
Kalifornien: Die Jahre bei Charles und Ray Eames
1943 folgte Bertoia dem Ehepaar Eames nach Kalifornien und arbeitete dort bis 1946 an den Experimenten mit geformtem Sperrholz und an den ersten Sitzschalen mit. Die Zusammenarbeit endete mit einer Enttäuschung: Bertoia fand seinen Anteil an den Entwürfen nicht gewürdigt und verließ das Team. Eine Begegnung aus dieser Zeit sollte jedoch Folgen haben – auch der Schweizer Fotograf und Grafiker Herbert Matter arbeitete damals mit den Eames’ zusammen.
Pennsylvania: Die Sitzmöbel aus Draht für Knoll
1950 luden Hans und Florence Knoll ihren alten Bekannten nach Pennsylvania ein. Das Angebot war ungewöhnlich großzügig: eine eigene Werkstatt in Bally, ein Gehalt und völlige Freiheit, an dem zu arbeiten, was ihn interessierte. Bertoia nutzte sie, um eine Frage zu beantworten, die ihn seit Jahren beschäftigte – wie ein Sitzmöbel aussehen könnte, das aus Draht besteht und dennoch bequem, stabil und industriell herstellbar ist. Das Ergebnis stellte Knoll 1952 vor: eine Familie von Sitzmöbeln aus verschweißtem Stahldraht, deren Herzstück der Diamond Chair ist. Seine Schale aus rautenförmigem Drahtgitter wirkt wie ein geschliffener Edelstein – und doch scheint sie kaum Masse zu haben. Bertoia selbst beschrieb seine Stühle sinngemäß als Gebilde, die größtenteils aus Luft bestehen, wie eine Skulptur, durch die der Raum hindurchgeht. In diesem Gedanken liegt der Kern seines Designs: Der Stuhl besetzt den Raum nicht, er zeichnet ihn nach.
Der kommerzielle Erfolg der Serie war enorm – und für Bertoia ein Befreiungsschlag. Die Einnahmen aus den Stühlen erlaubten es ihm, sich nach wenigen Jahren fast ausschließlich der Bildhauerei zu widmen. Weitere Möbel hat er nicht mehr entworfen. Dass ein Bildhauer mit einer einzigen Möbelfamilie Designgeschichte schreibt und sich danach wieder ganz seiner Kunst zuwendet, macht Bertoia bis heute zu einem Sonderfall.
Herbert Matter und das Bild der Bertoia-Stühle
Wie die Welt Bertoias Stühle wahrnahm, hat kaum jemand so geprägt wie Herbert Matter (1907–1984). Florence Knoll holte den Schweizer 1946 als Gestalter und Werbeberater zu Knoll; rund zwanzig Jahre lang verantwortete er das visuelle Erscheinungsbild des Unternehmens – vom Logo über Kataloge bis zu Anzeigen und Fotografie. Matter fotografierte Möbel nicht wie Ware, sondern wie Plastiken: freigestellt, im Spiel von Licht und Schatten, oft in überraschenden Montagen. Für die Drahtstühle Bertoias war dieser Blick ideal, denn ihre Wirkung entsteht erst im Zusammenspiel von Linie, Schatten und Leere. Für Knoll entstanden unter seiner Regie unter anderem der Faltprospekt „Chairs by Bertoia“ (1957) und die Broschüre „Chairs by Harry Bertoia“ mit seinen Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Eine bekannte Aufnahme aus den frühen 1950er Jahren zeigt Matter gemeinsam mit Hans und Florence Knoll und Harry Bertoia – ein Gruppenbild jener Allianz, die das Bild der amerikanischen Moderne in Europa prägen sollte.
Diese Bildsprache trug Knoll International auch nach Deutschland. Die deutsche Knoll-Gesellschaft war früh gegründet worden, und Bertoias Stühle gehörten bald zum festen Repertoire moderner Büros, Foyers und Wohnungen. 1962 wurde der Bertoia-Stuhl zudem mit einem Preis des Design Centers Stuttgart ausgezeichnet.
Von Bremen nach Brüssel: Bertoias Skulpturen auf der Expo 58
Parallel zu den Stühlen wuchs Bertoias Ruf als Bildhauer für die Architektur. Eero Saarinen gab ihm 1953 mit einem großen Raumteiler für das General Motors Technical Center die erste Gelegenheit, im monumentalen Maßstab zu arbeiten. 1954 folgte der goldglänzende Skulpturenschirm für das Manufacturers-Trust-Gebäude an der Fifth Avenue in New York, entworfen von Gordon Bunshaft (Skidmore, Owings & Merrill). Insgesamt realisierte Bertoia über fünfzig öffentliche Aufträge.
Weniger bekannt ist, dass zwei dieser Werke für Deutschland entstanden. 1955 beauftragten das US-Außenministerium und Gordon Bunshaft den Künstler mit Arbeiten für die neuen amerikanischen Generalkonsulate in Düsseldorf und Bremen. Für Düsseldorf schuf Bertoia 1956 einen rechteckigen Gong in einem Metallrahmen – ein Unikat in seinem Werk und eine seiner frühesten klingenden Skulpturen. Für Bremen entstand im selben Jahr ein großer „Multiplane“-Raumteiler aus geschweißtem Metall, rund drei mal fünfeinhalb Meter groß.
Genau dieser Bremer Raumteiler reiste zwei Jahre später nach Brüssel. Wie uns die Harry Bertoia Foundation bestätigt hat, wurden Skulpturen Bertoias 1958 auf der Weltausstellung gezeigt, und das Werkverzeichnis der Foundation führt den Bremer Schirm ausdrücklich als Exponat im Pavillon der Vereinigten Staaten. Die Expo 58 auf dem Heysel-Plateau war die erste große Weltausstellung nach dem Zweiten Weltkrieg und zog vom 17. April bis 19. Oktober 1958 über 41 Millionen Besucher an. Der amerikanische Pavillon von Edward Durell Stone, innen gestaltet von Bernard Rudofsky, lag in Sichtweite des sowjetischen Pavillons – Architektur und Kunst waren hier auch Schauplatz des Kalten Krieges. Neben Alexander Calders Mobile im Wasserbecken stand Bertoias Metallschirm für eine Kunst, die aus industriellem Material poetische Räume schafft. Zusätzlich fanden sich im amerikanischen Pavillon verschiedene Entwürfe von Isamu Noguchi wie seine Rocking Stools und einen Cyclone Tisch. Auch diese Originalmöbel werden in unserer Ausstellung gezeigt.
Die Knoll-Wanderausstellung in Deutschland
In den 1960er Jahren organisierte Knoll International eine Wanderausstellung über Harry Bertoia in Deutschland. Sie stellte den Designer und den Bildhauer bewusst nebeneinander und machte damit sichtbar, was bei Bertoia untrennbar zusammengehört: Der Diamond Chair ist eine Skulptur, die man benutzen kann; die Skulpturen sind Studien zu Raum und Struktur, die dieselbe Handschrift tragen. Im Rahmen unserer Knoll-Ausstellung im Showroom in Köln zeigen wir die damaligen Presseinformationen, gestaltet von Herbert Matter, mit zahlreichen Originalfotos. Sie sind ein seltenes Zeitdokument: Man sieht, wie Knoll seinen Designer einem deutschen Publikum vorstellte – sachlich, großzügig gesetzt, mit Fotografien, die Stuhl und Skulptur auf Augenhöhe zeigen. Und man erkennt Matters Handschrift, die Knoll über Jahrzehnte ein unverwechselbares Gesicht gab.
Der Klang des Metalls: Bertoias Sonambients
Ab den 1960er Jahren wandte sich Bertoia einer Werkgruppe zu, die ihn heute auch in der Klangkunst zu einer Referenz macht. Er stellte Bündel aus Metallstäben – Messing, Bronze, Beryllium-Kupfer – senkrecht auf Sockel; berührt oder vom Wind bewegt, schwingen sie gegeneinander und erzeugen lang nachklingende, obertonreiche Töne. Bertoia nannte diese Arbeiten „Sonambient“. In einer umgebauten Scheune in Pennsylvania versammelte er Dutzende davon, spielte sie und nahm sie auf. Daneben entstanden die „Dandelions“, kugelförmige Skulpturen aus feinsten Drahtstrahlen, und die Spray-Skulpturen, die schon beim leisesten Luftzug zu zittern beginnen. 1964 standen sieben vergoldete Dandelions vor dem Kodak-Pavillon der New Yorker Weltausstellung.
Harry Bertoia starb am 6. November 1978 in Barto, Pennsylvania. Sein Werk – Möbel, Skulpturen, Schmuck, Grafik und Klang – erschließt heute das Online-Werkverzeichnis der Harry Bertoia Foundation, das seit 2023 frei zugänglich ist.
Bertoia heute: Ein Klassiker, der nie aus der Produktion ging
Knoll stellt die Bertoia-Kollektion seit 1952 ununterbrochen her; das Unternehmen ist Hersteller und Rechteinhaber aller Bertoia-Stühle. Die Stühle gibt es in verchromtem oder beschichtetem Stahl, mit Sitzauflagen oder Vollpolster, für innen wie außen. Gerade bei einem so oft kopierten Entwurf lohnt der Blick auf die Herkunft: Nur das Original von Knoll trägt die Proportionen, die Verarbeitung der Schweißpunkte und die Qualität, die Bertoia in Bally gemeinsam mit den Knoll-Ingenieuren entwickelt hat.
Als Fachhändler für Designklassiker seit 1999 führt Markanto die Originale von Knoll und berät Sie gern im Showroom in Köln – wo Sie in diesen Wochen auch Herbert Matters Presseinformationen zur Bertoia-Ausstellung im Original sehen können.