Zum 100. Geburtstag von Verner Panton
Verner Panton, geboren am 13. Februar 1926 in Gamtofte auf der dänischen Insel Fünen, zählt heute zu den prägendsten Gestaltern des 20. Jahrhunderts. Ein Visionär, der sich früh von dem skandinavischen Mid Century Design löste und stattdessen radikale Inneneinrichtungen mt leuchtende Farben und futuristische Formen entwickelte. Nach seinem Studium an der Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen begann er zunächst eine kurze Zusammenarbeit mit Arne Jacobsen, die sein Verständnis für formale Strenge schärfte, ihn aber gleichzeitig in seinem Wunsch bestärkte, das gestalterische Korsett der Nachkriegsmoderne hinter sich zu lassen. In einer Zeit, in der Europa vom Wiederaufbau geprägt war und die Designwelt auf funktionale Schlichtheit setzte, begann Verner Panton sich bewusst gegen die Normen zu stellen, ein Gestalter, der die Möglichkeiten industrieller Produktion, neuer Kunststoffe und einer von Technik geprägten Zukunft nicht als Bedrohung, sondern als kreatives Versprechen begriff.
Seine frühen Jahre waren geprägt von Designreisen durch Europa, bei denen er eine Art nomadische Studio-Praxis entwickelte, die sich deutlich von den etablierten Ateliers seiner Zeit unterschied. Dieser unorthodoxe Arbeitsstil führte zu ersten Möbelentwürfen, die in den 1950er Jahren zunehmend Aufmerksamkeit fanden. Es war vor allem die Hinwendung zu neuen Materialien wie Schaumstoff, Vinyl und später Spritzgusskunststoffen, die Pantons Designphilosophie bestimmte: Möbel sollten nicht länger aus einzelnen traditionellen Komponenten bestehen, sondern als fließende, beinahe organische Körper erscheinen. Dieser Gedanke kulminierte sich Ende der 1950er Jahre im Entwurf des Panton Chair, der nach langer Entwicklungszeit schließlich 1967 in Zusammenarbeit mit Vitra als erster freischwingender Kunststoffstuhl aus einem Guss produziert wurde. Er wurde zu einer Ikone des Pop-Designs und zugleich zu einem Symbol für die technologische und gesellschaftliche Aufbruchsstimmung der 1960er Jahre. Während die Welt den Wettlauf ins All, neue Jugendkulturen und ein wachsendes Vertrauen in die Zukunft erlebte, formte Panton Möbel, die genauso experimentell und optimistisch wirkten wie die Zeit selbst.

Verner Panton, Rolf Fehlbaum, Manfred Diebold und Josef Stürmlinger bei der Entwicklung des Panton Chairs
Doch Pantons Schaffen ging weit über einzelne Möbel oder Leuchten hinaus. Besonders seine ganzheitlichen Rauminszenierungen zeigten, wie radikal sein gestalterisches Denken war: Räume waren für ihn Gesamterfahrungen, in denen Licht, Farbe, Textur und Form ineinandergreifen sollten. Panton verstand Interieurgestaltung als eine Art räumliche Malerei, die psychologische Wirkung und räumliche Wahrnehmung beeinflusst. Projekte wie seine Visiona‑Installationen zur Kölner Möbelmese im Auftrag der BAYER AG oder die Inneneinrichtung des Verlagshaus DER SPIEGEL in Hamburg, verwandelten Besucher in Reisende durch psychedelische Farbwelten, futuristische Höhlenlandschaften und organisch modellierte Sitzlandschaften. Diese Installationen waren nicht nur spektakuläre Ausstellungsräume, sondern Manifestationen einer gestalterischen Haltung, die das Wohnen als spielerische, sinnliche und ständig im Wandel befindliche Praxis verstand. In einer Epoche gesellschaftlicher Umbrüche, geprägt von Protestbewegungen, beginnender Globalisierung und wachsendem Konsum, formulierte Panton eine Utopie des Wohnens, die zugleich experimentell und zutiefst menschlich war.
In den folgenden Jahrzehnten etablierte sich Panton als international gefragter Designer, dessen Entwürfe für Unternehmen wie Vitra, Louis Poulsen oder Mira-X zu Klassikern wurden. Die späten 1970er und 1980er Jahre brachten eine gewisse Abkehr vom exzessiven Farbrausch, doch Pantons Fähigkeit, Trends vorauszudenken, blieb ungebrochen. Selbst als postmoderne Strömungen aufkamen, hielt er an seinem Glauben an die emotionale Kraft von Farbe fest und entwickelte Leuchten und Interieurs, die ebenso expressiv wie präzise konstruiert waren. Mit Projekten wie dem Einrichtungskonzept für das Hotel Astoria in Kopenhagen bewies er, dass seine Designauffassung nicht auf spektakuläre Messeinstallationen beschränkt war, sondern auch im Alltag funktionierte. Sein Werk blieb dabei stets ein Spiegel der Zeitgeschichte: von den optimistischen 1960ern über die technologisch geprägten 1980er Jahre bis hin zu den minimalistischen Tendenzen der 1990er, in denen seine Entwürfe plötzlich wieder überraschend zeitgemäß wirkten.

Installation nach Verner Panton zu Milano Design Week 2024
Als Verner Panton 1998 in Kopenhagen starb, hinterließ er ein Werk, das zugleich provozierte und begeisterte und das seither kontinuierlich neu bewertet wird. Zum 100. Geburtstag im Jahr 2026 lässt sich sein Einfluss deutlicher denn je erkennen: in der Wiederentdeckung mutiger Farben in der Architektur, in modularen Wohnkonzepten, in der heutigen Lust am Experiment zwischen Kunst, Design und Technologie. Pantons Gestaltungen wirken nicht nostalgisch, sondern erstaunlich gegenwärtig; sie erinnern daran, dass Design nicht nur funktional, sondern auch visionär sein darf. Sein Vermächtnis besteht weniger aus Ikonen, so berühmt diese auch sind, als aus einer Haltung: dem unerschütterlichen Glauben an die transformative Kraft von Form und Farbe.