100 Jahre Art déco
Vom 28. April bis zum 8. November 1925 fand in Paris die Ausstellung Exposition internationale des arts décoratifs et industriels modernes mit über 16 Millionen Besucher statt. Nach ihr ist der Stil Art déco benannt, ein Begriff, der sich aus dem Titel dieser Ausstellung ableitet, steht seither für eine Ästhetik, die geometrische Klarheit, luxuriöse Materialien und technische Innovation miteinander vereint.
Die Ursprünge des Art déco liegen in den gestalterischen Experimenten der 1910er Jahre, die sich von der floralen Verspieltheit des Jugendstils abgrenzten. Die Bewegung entwickelte sich in den 1920er Jahren zu einem internationalen Phänomen, das sich durch stilisierte Formen, hochwertige Materialien wie Ebenholz, Elfenbein und Hai- und Rochenhaut sowie durch eine neue funktionale Eleganz auszeichnete. In einem empfehlenswerten Podcast der ARD Audiothek erläutert Dr. Romana Rebbelmund, Kuratorin am Museum für Angewandte Kunst Köln, die charakteristischen Merkmale des Art déco-Stils. Typisch für Art déco sind abstrakte, geometrische Elemente – klare Linien, symmetrische Formen und stilisierte Ornamente. Auch historische Einflüsse wirkten prägend, zum Beispiel die Entdeckung des altägyptischen Grabes Tutanchamuns, dessen Ornamentik und geflügelte Wesen in die Gestaltung der 1920er Jahre einflossen. Das Unbekannte war ein zentrales Motiv: fremde Kulturen, luxuriöse Materialien und dekorative Oberflächen wurden bewusst eingesetzt, um eine neue visuelle Sprache zu schaffen, die sowohl modern als auch sinnlich war. Art Déco war damit nicht nur eine stilistische Bewegung, sondern auch Ausdruck eines kulturellen Aufbruchs – zwischen Fortschritt und Faszination für das Fremde.
Besonders hervorzuheben ist die Rolle Frankreichs als stilprägende Nation. Designer wie Jacques-Émile Ruhlmann, Pierre Chareau, Jean Michel Frank (Abbildung Dossier Droit fauteuil oben) und André Groult prägten mit ihren Möbeln und Interieurs das Bild des französischen Art déco. Ruhlmanns „Hôtel du Collectionneur“, das 1925 auf der „Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes“ präsentiert wurde, gilt bis heute als Inbegriff französischer Eleganz. Auch die Gegenüberstellung mit internationalen Positionen – etwa dem funktionalistischen Pavillon von Robert Mallet-Stevens oder dem radikal modernen „Pavillon de l’Esprit Nouveau“ von Le Corbusier – zeigt die Spannbreite und die inneren Widersprüche der Bewegung.
Die Weltausstellung erstreckte sich über 23 Hektar zwischen dem Grand Palais, dem Invalidendom und den Ufern der Seine. Über 15.000 Aussteller aus 20 Ländern präsentierten ihre Werke – Möbel, Architektur, Mode, Schmuck, Glas und Keramik. Die Besucherzahl überstieg 16 Millionen, ein Beleg für das immense öffentliche Interesse an einer neuen Formensprache, die Moderne, Luxus und Funktionalität miteinander verband. Die französische Regierung hatte die Ausstellung bewusst als kulturelles Statement konzipiert. Nach den Zerstörungen des Ersten Weltkriegs sollte Frankreich seine Rolle als stilbildende Nation behaupten. Die Organisatoren – darunter die Société des Artistes Décorateurs – legten fest, dass alle ausgestellten Werke „klar moderne Tendenzen“ zeigen mussten. Historisierende Stile waren ausdrücklich unerwünscht. Diese Regelung führte zu einer bemerkenswerten stilistischen Kohärenz, die sich in den Pavillons und Objekten widerspiegelte.
Die Ausstellung war nicht nur ein ästhetisches Ereignis, sondern auch ein wirtschaftlicher Erfolg. Mit einem Nettogewinn von über 14 Millionen Francs bewies sie, dass modernes Design auch kommerziell tragfähig sein konnte. Dennoch hinterließ sie keine dauerhaften architektonischen Relikte – die Pavillons waren temporär und wurden nach der Ausstellung abgebaut. Ihre Wirkung jedoch war nachhaltig: Art déco verbreitete sich in den folgenden Jahren weltweit und beeinflusste Architektur, Möbelbau, Mode und Grafik bis weit in die 1940er Jahre hinein.
100 Jahre nach der bahnbrechenden Weltausstellung von 1925 ist Art déco mehr als ein nostalgischer Rückblick – er ist eine gestalterische Haltung, die heute aktueller denn je erscheint. In einer Zeit, in der sich viele Wohnräume durch digitale Standardisierung und visuelle Beliebigkeit auszeichnen steht Art Déco für Materialität, Präzision und Ausdruck. Seine klaren Linien, edlen Oberflächen und die Balance von Funktion und Ästhetik machen Art Déco bis heute zu einer zeitlosen Inspirationsquelle für modernes Design.