Das Zebra-Dekor von Artek: die Richtigstellung einer Designlegende

Erstmalig wurde der Zebra-Textilstoff von den Aaltos Anfang der 1930er Jahre in der Schweiz verwendet. Hintergrund war damals, dass die Firma Wohnbedarf AG, Arteks Fachhändler für die Schweiz, den Stoff für die Möblierung des Corso Theaters in Zürich verwendete. Dort wurde der opulente Barbereich komplett von den Aaltos eingerichtet, als Stoffe wurde der Zebra-Stoff und ein Textilstoff der Bauhaus-Textilkünstlerin Otti Berger verwendet. Bereits in der Inventurliste 1933 findet sich bei Wohnbedarf ein Zebrastoff, auch verwendete die Schweizer Firma Embru im gleichen Jahr ebenso einen Zebra-Stoff für die Präsentation eines Lounge Chair aus Aluminium von Marcel Breuer in Paris.

Aber bereits Ende der 1920er Jahre verwendete der französische Art déco Designer Michel Dufet für seine Inneneinrichtungen einen Stoff mit einem Zebra-Dekor, wie uns später bei unserem Recherchen auch das Musée des Arts décoratifs im Louvre in Paris bestätigte. Denn dort findet sich das früheste Möbel - ein Sessel mit einem Polsterung mit einem Zebra-Stoff. Denn im französischen Art déco wurden gerne exotische Dekore und Materialien wie Rochenhaut oder Tierfelle verwendet, selbst Le Corbusier und Charlotte Periand präsentierten die LC4 Liegen bei einer Ausstellung in Düsseldorf in den 1930er Jahren mit Leopardenfell.

Der exotischen Zebra-Stoff traf jedenfalls den Geschmack der Aaltos, die ihn dann immer wieder gerne für Polsterungen verwendeten (das erste Foto zeigt den Zebra-Stoff im ersten Artek Store 1936 in Helsinki). Vermutlich entdeckte Aino Aalto den Stoff erstmalig 1935 bei Styleclair, Arteks Fachhändler für Frankreich, in Paris, wo sie während einer Europareise anschließend später in Zürich auch wohl Otti Berger traf. Jedenfalls kam es hier auch zu einer Zusammenarbeit, Otti Berger Stoffe wurden auch in Finnland verwendet.

Im Laufe der Zeit wurde der Entwurf des Zebra-Stoffes dann lange Jahre Aino Aalto zugeordnet. Erst in den 2010er Jahren war klar, dass sie den Stoff während ihrer Europareisen nur entdeckt hatte. 2024 veröffentlichte dann ein norwegischer Wissenschaftler die These, das Zebra-Dekor stamme von der Bauhaus-Entwerferin Otti Berger. Sven Vorderstrase, Inhaber von Markanto, widersprach dieser Einordnung damals: Stoffe mit Tiermotiven dieser Art passten seiner Einschätzung nach eher in die Formensprache des französischen Art déco als in Bergers streng funktionalistisches, an Bauhaus-Prinzipien orientiertes Werk. Zudem war ihm das Zebra-Dekor bereits aus den Inneneinrichtungen des französischen Designers Michel Dufet bekannt, die schon in den 1920er-Jahren entstanden – deutlich früher, als Otti Berger für das Zebra-Muster überhaupt infrage kommen konnte. Dieser Einwand traf einen wichtigen Punkt.

Die Berliner Künstlerin und Otti-Berger-Forscherin Judith Raum, Autorin der ersten umfassenden Monografie zu Bergers Werk „Otti Berger. Weaving for Modernist Architecture" (Hatje Cantz, 2024) ist in ihrer Recherche zur Herkunft des Zebra-Stoffs unabhängig zu demselben Ergebnis gekommen: Das Muster wurde bereits Ende der 1920er-Jahre in Frankreich gewoben und war Teil der zeitgenössischen Mode, exotische Tierfelle in Innenausstattung und Interieur zu verwenden. Michel Dufet zeigte bereits 1929 auf dem Pariser Salon d'Automne gepolsterte Sessel mit Zebra-Bezug – Jahre bevor Otti Berger überhaupt für Wohnbedarf AG in Zürich tätig wurde. Vermutlich stand der von Michel Dufet verwendete Stoff in Lyon, wo in den 1920er Jahren die französische Textilindustrie zuhause war. Eine andere Theorie ist, dass der Stoff im familären Umfeld des Designers in der Bretagne erfunden wurde.

Otti Berger und das Zebra

Zwei Hocker 60: links mit dem berühmten Zebra-Dekor, rechts mit einem rekonstruierten Stoff von Otti Berger 

Wie es zur Verwechslung kam

Die Verwechslung hat eine nachvollziehbare Ursache: Ab Mitte 1933 entwickelte Otti Berger im Auftrag von Wohnbedarf AG eine eigene Kollektion aus Vorhang-, Wand- und Polsterstoffen, die zeitgleich mit dem Zebra-Dekor in den Verkaufsräumen und Werbematerialien der Schweizer Firma auftauchte. Auch der Reisenotiz, in der Aino Aalto das Zebra-Dekor 1935 erstmals festhielt, folgt in derselben Aufzeichnung ein Hinweis auf Bergers Stoffe – zwei getrennte Beobachtungen, die im Rückblick leicht zu einem einzigen Fund verschmolzen wurden. Otti Bergers eigene Formensprache folgte jedoch einem anderen Prinzip: zurückhaltende, aus der Materialbeschaffenheit entwickelte Strukturen statt grafisch auffälliger Kontrastmuster – dem Zebra-Dekor damit denkbar unähnlich.

Otti Bergers tatsächlicher Beitrag: die Wohnbedarf-Kollektion

Statt des Zebra-Musters entwarf Otti Berger nach ihrer Flucht aus Deutschland für Wohnbedarf AG verschiedene eigene Stoffe wie das hochtechnische Sirius-Dekor und das sogenannte Windmühlen-Dekor, gewebt aus grobem, kostengünstigem Werg-Garn, ergänzt um Varianten in Naturtönen und einem kräftigen Orange-Rot. Im Vergleich zum Zebra-Dekor sind Bergers Arbeiten technisch deutlich anspruchsvoller und typisch für ihren funktionalen, materialgetriebenen Ansatz. Gleichzeitig sind diese Entwürfe der 1944 in Auschwitz ermordeten Jüdin in wichtiger Bindeglied zwischen dem deutschen Bauhaus-Design und dem organischen finnischen Design der Aaltos.

Die Markanto Edition: eine Hommage an Otti Berger

Zusammen mit Artek und der Otti-Berger-Forscherin Judith Raum ist daher die Idee entstanden, einen originalen Otti Berger-Stoff als Hommage an ihr Werk und tragisches Leben als kleine Edition neu aufzulegen. Umgesetzt und rekonstruiert wurde der Stoff von der vielfach ausgezeichneten Weberin Katja Stelz, die bereits auch Judith Raum tatkräftig bei ihren Forschungen zu Otti Berger unterstützte. Als Würdigung einer Künstlerin, deren Werk lange im Schatten falscher Zuschreibungen stand, soll diese Edition im Frühjahr 2027 realisiert werden. Aktuell wurde dafür bereits der Windmühlenstoff von Otti Berger in verschiedenen Farben rekosntruiert, auch ein erster Stool 60 wurde in dem historischen Stoff gepolstert. Erhältlich sein wird sie voraussichtlich bei Markanto in Köln sowie bei Artek in Helsinki und Tokio.

Zum Vergleich: Das heutige Zebra-Dekor auf dem Hocker 60 wird seit 1996 vom deutschen Textilhersteller Krall+Roth produziert – mit zweifarbigem Kettgarn und einem Wollanteil, der die Tiefe des historischen Vorbilds nachbildet, ohne eine exakte Reproduktion zu sein. Wie bereits bei der limitierten Artek Moomin-Edition zeigt sich: Solche Sonderauflagen des Hocker 60 verbinden Designgeschichte mit handwerklicher Neuinterpretation – und sind meist nur in kleiner Stückzahl erhältlich.

Häufige Fragen zu Otti Berger und dem Zebra-Stoff

Stammt der Artek Zebra-Stoff von Otti Berger?

Nein. Der Stoff wurde bereits Ende der 1920er Jahre in Frankreich gewoben und lässt sich bis zu Michel Dufets Entwürfen von 1929 zurückverfolgen – mehrere Jahre bevor Otti Berger für Wohnbedarf AG tätig wurde.

Wer hat das Zebra-Muster tatsächlich entworfen?

Der Hersteller und ursprüngliche Gestalter des Stoffs sind bis heute nicht eindeutig belegt. Der französische Designer Michel Dufet zeigte das Muster 1929 erstmals öffentlich in Paris; vermutlich stammt das Design aus einer Lyoner Jacquard-Weberei.

Was hat Otti Berger dann mit Wohnbedarf AG und Artek zu tun?

Otti Berger entwarf ab 1933 im Auftrag von Wohnbedarf AG eine eigene Kollektion aus Vorhang-, Wand- und Polsterstoffen – darunter einen eigenständigen, schwarz-weiß kontrastierten Bezugsstoff aus Werg-Garn, der die Grundlage der kommenden Markanto Edition bildet. Aino und Alvar Aalto verwendeten verschiedene Stoffe von Otto Berger bereits in den 1930er Jahren.

Was ist die Markanto Edition zu Otti Berger?

Eine in Zusammenarbeit mit Textildesignerin Katja Stelz und Forscherin Judith Raum entwickelte Sonderedition des Artek Hocker 60, die Otti Bergers eigenen, bislang wenig bekannten Stoffentwurf für Wohnbedarf AG neu interpretiert. Die Realisierung ist für Frühjahr 2027 geplant.

Wo wird die Otti-Berger-Edition erhältlich sein?

Voraussichtlich bei Markanto in Köln sowie bei Artek in Helsinki und Tokio, in kleiner Auflage.

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