Ein Österreicher in Brasilien: zwei ikonische Sessel von Martin Eisler sind wieder erhältlich.

Brasilien in den 1950er Jahren steht für eine ganz eigene Ausprägung der architektonischen Moderne. Kristallisationskern dieser stilistischen Bewegung war der Neubau der auf dem Reißbrett geplanten Hauptstadt Brasília. Lucio Costa und Oscar Niemeyer waren nicht nur die beiden maßgeblichen Entwerfer der neuen Hauptstadt; auch für Rio und São Paulo schufen sie zahlreiche prominente Gebäude und prägten einen typisch brasilianischen Stil, der modernen Funktionalismus und lateinamerikanisches Lebensgefühl zu einer harmonischen Einheit verband. Natürlich machte dieser Stil bei den Gebäudehüllen nicht halt, sondern setzte sich bei den Interieurs nahtlos fort. So entwarf etwa auch Oscar Niemeyer gemeinsam mit seiner Tochter eine völlig neu gedachte Chaise Longue. Aber auch ein österreichischer Emigrant trug entscheidend zum Möbeldesign der brasilianischen Moderne bei.

Der 1913 in Wien geborene Martin Eisler kam schon im Kindesalter mit der Welt des Designs in Berührung. Sein Vater, der Kunsthistoriker Max Eisler, zählte zu den Gründungsmitgliedern des Österreichischen Werkbundes und setzte sich als Kritiker und Publizist für die aufkeimende Moderne ein. Martin Eisler studierte an der Wiener Kunstgewerbeschule Architektur und Design bei namhaften Vertretern der Moderne, wie etwa den Architekten Oskar Strnad und Clemens Holzmeister. Mit dem Anschluss Österreichs an das von den Nationalsozialisten regierte Deutschland, verließ der jüdischstämmige Eisler das Land und wanderte zunächst ins argentinische Buenos Aires aus. In der dortigen Mueller Gallery stellte er schon bald nach seiner Ankunft eigene Möbelentwürfe aus.

Gemeinsam mit Arnold Hackel führte Eisler ab 1945 das Unternehmen Interieur in Buenos Aires, das Möbel nach Entwürfen der beiden Inhaber fertigte und vertrieb. Im Jahr 1955 gründete Eisler zusätzlich das Unternehmen Forma in São Paulo, das er gemeinsam mit dem Italiener Carlo Hauner führte. In Brasilien faszinierten Eisler die dort heimischen Tropenhölzer, die er nun oft in seinen Entwürfen verwendete. Ende der 1950er Jahre wurde auch das Unternehmen Knoll International auf ihn aufmerksam und er übernahm für Knoll den Vertrieb in Argentinien und Brasilien. Im Gegenzug bot Knoll Eislers Entwürfe international an und machte sie so weltweit bekannt. Zur gleichen Zeit erreichte auch der brasilianische Bau-Boom, der durch den Bau der neuen Hauptstadt Brasília zusätzlich befeuert wurde, seinen Höhepunkt und Eisler stattete zahlreiche der neuen, modernen Gebäude mit den von ihm entworfenen Möbeln aus. Hierbei kooperierte er auch mit Oscar Niemeyer und schuf passende Möbel für dessen Gebäudeentwürfe. Neben seiner Tätigkeit als Designer und Unternehmer war Eisler außerdem als Architekt tätig und arbeitete als Bühnenbildner und Opernregisseur.

Innerhalb seines umfassenden Werks sind es zwei Sessel, die besonders hervorstechen. Der um 1955 für sein Unternehmen Forma entworfene Sessel Reversível, der international als Reversible Chair bekannt ist, verknüpft eine raumgreifende, skulpturale Erscheinung mit einer überraschenden Multifunktionalität. Der Sessel setzt sich zusammen aus einem filigranen Stahlrohrgestell an das eine kleine gepolsterte Lehne fest montiert ist. Eine expressive, U-förmige Sitzschale ist auf dieses Gestell lose aufgelegt, so dass sie in verschiedene Positionen bewegt werden kann. Liegt die Sitzschale waagerecht auf dem Gestell auf, bietet sich die fest montierte Lehne als Rückenlehne an, während die nach oben weisenden Enden der Sitzschale als Armlehnen genutzt werden können. Dreht man die Sitzschale jedoch in eine vertikalere Position, wird der Sessel zur Chaise Longue. Nimmt man nun – um 90 Grad gedreht – darauf Platz, umschließt die Sitzschale Kopf und Rücken, während die fest installierte Lehne zur Armlehne wird.

Eislers zweites Meisterwerk , der Costela Lounge Chair, entstand um 1959 ebenfalls für Forma. Der Entwurf kommt zunächst weniger spektakulär daher als der Reversible Chair, weiß jedoch durch seine ausgewogene Gestaltung zu überzeugen. Ganz im Mittelpunkt seines eleganten Erscheinungsbilds stehen dabei die hölzernen Elemente, aus denen sich die Sitzschale zusammensetzt. Anstatt einer Sitzschale aus einem Stück, wählte Eisler eine Reihung mehrerer Elemente aus formverleimtem Schichtholz, die mit einigem Abstand zueinander, ähnlich einem Lattenrost die Polster umschließen. So ergibt sich, getragen von einem dezenten Stahlrohrgestell, ein markanter Look, der an menschliche Rippen denken lässt. Aus dieser Konstruktion leitet sich auch der Name des Sessels ab: Costela ist das portugiesische Wort für Rippe. Doch nicht nur der Aufbau der Sitzschale ist ein ästhetischer Genuss, auch die Oberfläche der einzelnen Elemente strahlt Eleganz aus. Ursprünglich wählte Eisler hierfür ein Furnier aus Palisander, der in Brasilien heimisch ist, und stellte so eine subtile Verbindung des Sessels zu seinem Entstehungsort her. Weil echter Palisander zu den bedrohten Arten zählt, darf er heute jedoch nicht mehr genutzt werden. Oft wird stattdessen auf den sogenannten Santos Palisander zurückgegriffen. Dieses Holz weist eine ähnliche Farbe und Maserung auf, wie der echte Palisander, stammt jedoch von einem anderen, weniger stark gefährdeten Baum. Tacchini hat sich allerdings für eine andere Lösung entschieden, die unter Artenschutzgesichtspunkten vollkommen unbedenklich ist. Anstatt auf exotische Tropenhölzer zurückzugreifen, verwendet der italienische Hersteller gebeiztes Eschenholz und erzielt damit einen Look, der dem Original sehr nahe kommt.

Beide Sessel erlangten schon bei ihrer Einführung internationale Bekanntheit und wurden in Mailand sogar mit dem renommierten italienischen Designpreis Compasso d’Oro ausgezeichnet. Beide werden nun von Tacchini wieder angeboten und sind ab sofort bei Markanto erhältlich.

Abbildung: Andrea Ferrari

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