Luisa: Franco Albinis 15jährige Suche nach dem Archetyp des Stuhls
Der Luisa Stuhl von Franco Albini zählt zu den Schlüsselwerken des italienischen Nachkriegsdesigns. Seine endgültige Form fand der Armlehnstuhl erst 1955 – nach rund fünfzehn Jahren und zahlreichen Vorstufen. Im selben Jahr erhielt Franco Albini dafür den Compasso d’Oro, die wichtigste Auszeichnung des italienischen Industriedesigns.
Fünfzehn Jahre an einem Stuhl
Franco Albini (1905–1977) war Architekt, Stadtplaner und Gestalter, ein Hauptvertreter des italienischen Rationalismus. Seine Möbel entwickelte er wie seine Bauten: aus klaren, geometrischen Körpern und mit großer Aufmerksamkeit für die Verbindung der Teile. Kaum ein Entwurf zeigt diese Haltung so deutlich wie der Stuhl, der später Luisa heißen sollte.
Die erste Fassung des Stuhls entstand um 1939 für die Einrichtung der Villa Pestarini in Mailand, eines der markanten Bauten des Rationalismus. Sie bestand noch aus gebogenem Schichtholz. Weitere Fassungen folgten in den 1940er Jahren, teilweise in Kleinstauflagen. Mit jeder Version reduzierte Albini den Stuhl weiter auf das Wesentliche. Ende der 1940er Jahre rückten die Gelenke ins Zentrum seiner Arbeit: Sie sollten stärker werden und zugleich die Form bestimmen.
Das amerikanische Kapitel: Knoll Nr 47, Nr. 48 und Nr. 49
In genau dieser Phase kam Knoll ins Spiel. Das 1938 von Hans Knoll in New York gegründete Unternehmen entwickelte sich unter Florence Knoll zur ersten Adresse für modernes Möbeldesign in den USA. Ende der 1940er Jahre nahm Knoll vier Möbelentwürfe von Franco Albini in das Sortiment auf, den Schreibtisch 80 (der heute noch in Produktion ist), den Armlehnstuhl 48 und den Sessel 49. Der vierte Entwurf wurde dann ein Stahlrohrstuhl mit der Nummer 47.
Das Modell Nr. 48 ist der Armlehnstuhl, gedacht für Esstisch und Schreibtisch. Es wurde etwa von 1949 bis Mitte der 1960er Jahre gefertigt, je nach Ausführung in Nussbaum, Eiche oder Ahorn. Das Modell Nr. 49 ist die niedrigere und breitere Variante als Lounge Chair. Knoll produzierte diese Sitzmöbel ab 1949 bis etwa 1967, sie ist heute deutlich seltener zu finden. Die Albini Entwürfe teilen die Merkmale, die später auch Luisa prägen: ein schlankes Holzgestell, umlaufende Armlehnen, versetzt und schräg gestellte Hinterbeine. Sitz und Rücken sind als eigenständige Polster gearbeitet. Im Knoll-Katalog von 1950 hob das Unternehmen besonders die feine Linienführung und die Klarheit der Form hervor.
In unserer Knoll-Ausstellung finden sich beide Modelle. Wer sie aus der Nähe betrachtet, erkennt sofort die Verwandtschaft zum späteren Luisa – und zugleich die Unterschiede in Proportion und Detail, an denen Albini nach der Knoll-Phase weiterarbeitete. Das obere Foto zeigt den Stuhl 48, den Luisa aus der Cassina Produktion, den Luisa von Poggi und den Sessel 49 von Knoll zum Vergleich.
Poggi, 1955 und der Name Luisa
Die endgültige Fassung entstand in Zusammenarbeit mit der Tischlerei Poggi in Pavia, Albinis wichtigstem Produktionspartner der 1950er Jahre. 1955 kam der Stuhl dort auf den Markt, zunächst in Teak, Mahagoni und Buche. Erst diese letzte Version erhielt einen Namen: Albini benannte sie nach Luisa Colombini, seiner langjährigen Assistentin, die die Entwicklung über Jahre aus nächster Nähe begleitet hatte.
Noch im selben Jahr wurde Luisa mit dem Compasso d’Oro ausgezeichnet – dem ersten von insgesamt drei, die Albini im Laufe seines Lebens erhielt. Die Jury würdigte vor allem die elementare Lösung, mit der Bein, Armlehne und Rückenlehne verbunden sind, die sichtbaren Fugen und die Verbindung von Gestaltung und Fertigung. Ausdrücklich hob sie auch die Beharrlichkeit hervor, mit der Albini seinen Entwurf über Jahre überarbeitet hatte.
Substanz in der Form: die Konstruktion
Luisa wirkt einfach, doch diese Einfachheit ist das Ergebnis genauer Arbeit. Albini trennt Tragwerk und Sitz konsequent: Das Holzgestell bildet zwei bockartige Seitenteile, verbunden durch Querstreben. Sitz und Rücken sind zwei geometrische Flächen, die in diesem Rahmen hängen. Die Rückenlehne berührt die Sitzfläche nicht und kann leicht nachgeben.
Die Holzquerschnitte nehmen dort zu, wo die größten Kräfte wirken – an den Verbindungsstellen. Cassina beschreibt das als Albinis Poetik der „Substanz in der Form“. Die finale Version kommt mit nur vier Schrauben aus, alles andere leisten die Verbindungen selbst. Von der Knoll-Variante mit ihren sichtbaren Stahlverbindungen bis zu dieser reduzierten Lösung lässt sich Albinis Weg in unserer Ausstellung gut nachvollziehen.
Luisa heute – und im Showroom Köln
Luisa gehört zur ständigen Sammlung des Museum of Modern Art in New York und des Design Museums der Triennale di Milano. Heute fertigt Cassina den Stuhl nach der Poggi-Fassung von 1955. Das Gestell gibt es in Esche natur, Esche schwarz gebeizt und Nussbaum Canaletto. Sitz und Rücken bestehen aus einem Stahlrahmen mit elastischen Gurten und kaltgeschäumter Polsterung, bezogen mit Stoff oder Leder.
Die Knoll-Modelle Nr. 48 und Nr. 49 werden dagegen seit Jahrzehnten nicht mehr produziert und sind nur noch als Vintage-Stücke erhältlich. Gerade deshalb lohnt der Vergleich im Original. Als Fachhändler für Designklassiker seit 1999 laden wir Sie herzlich ein, beide Modelle in unserem Showroom während der IDD Cologne in Köln selbst zu erleben.