Vom Monoblock zur Designikone: Der Z. Stuhl von Ernst Moeckl

Mit dem Revival des Z. Stuhls zur Milan Design Week 2026 setzte Richard Lampert ein Zeichen gegen die Kurzlebigkeit des Zeitgeists und für die nachhaltige Kraft guter Gestaltung.Die Inszenierung im Showroom in Bera folgte dabei einem erzählerischen Ansatz: Zwischen Mimosengelb und Stahlblau, zwischen Monoblock und final lackierter Form entfaltet sich die Geschichte eines Stuhls, der wie kaum ein anderer für die gestalterischen, technologischen und gesellschaftlichen Umbrüche der frühen 1970er Jahre steht.

Der Z.Stuhl geht auf einen Entwurf von Ernst Moeckl zurück, der 1971 als Gebrauchsmuster eingetragen wurde und 1972 auf der Kölner Möbelmesse erstmals einer breiten Öffentlichkeit begegnete. Ernst Moeckl, Absolvent der hfg Hochschule für Gestaltung Ulm, war geprägt von jener rationalen, systematischen Entwurfshaltung, die die hfg als geistige Nachfolgerin von Bauhaus und Werkbund auszeichnete. Gleichzeitig fiel sein Schaffen in eine Zeit, in der neue Kunststoffe, allen voran Polyurethan, das formale Repertoire des Möbeldesigns radikal erweiterten. Inspiriert von Raumfahrtästhetik und Science-Fiction-Narrativen entstanden Möbel, die sich bewusst von traditionellen Konstruktionsprinzipien lösten. Der Z.Stuhl ist ein Kind dieser Epoche: ein Freischwinger aus einem einzigen gegossenen Kunststoffblock, bei dem Rückenlehne, Sitzfläche und Beine eine untrennbare Einheit bilden.

Formal zeichnet der Stuhl eine gespannte, fast abstrakte Silhouette, deren Konstruktion sich aus einer gespiegelten Z-Form ableitet. Die Rückenlehne fließt in die Sitzfläche über, diese knickt spitzwinklig ab und führt in die markanten, nach hinten gezogenen Beine, die schließlich als Kufenfüße wieder nach vorne verlaufen. Diese Form ist nicht dekorativ, sondern funktional gedacht: Sie erzeugt jene federnde Bewegung, die dem Stuhl zeitweise auch den Namen „Federnder Stuhl“ einbrachte. Dass der Entwurf unter verschiedenen Bezeichnungen wie „Hockender Mann“, „Känguru-Stuhl“ oder schlicht „Z-Stuhl“ bekannt wurde, verweist auf seine starke ikonografische Präsenz im kollektiven Gedächtnis.

Eine Besonderheit des Z.Stuhls liegt in seiner deutsch-deutschen Geschichte. Parallel zur westdeutschen Produktion der Horn Collection wurde der Entwurf ab 1974 auch in der DDR gefertigt, dort im Rahmen eines staatlichen Wohnungsbauprogramms im VEB Petrolchemisches Kombinat Schwedt. Als „Stuhl Schwedt 1“ hielt er Einzug in private Haushalte ebenso wie in öffentliche Räume und wurde zu einem selbstverständlichen Alltagsobjekt. In beiden deutschen Staaten verband der Stuhl industrielle Fertigung mit einem modernen, progressiven Formverständnis, ein seltener Fall gestalterischer Kontinuität über politische Systeme hinweg. Er war stapelbar, robust, für den Innen- und Außenbereich geeignet und in unterschiedlichen Farben erhältlich, von zurückhaltenden Tönen bis zu kräftigen Akzenten.

Nach der Wiedervereinigung verschwand der Z.Stuhl zunächst weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein, bis seine Geschichte eine unerwartete Wendung nahm. In Chemnitz entdeckte der Unternehmer Pestel bei der Aufarbeitung stillgelegter Maschinen einen originalen Formträger des Stuhls, auf dem sich noch ein Exemplar befand. Diese Entdeckung wurde zum Ausgangspunkt einer intensiven Recherche, die schließlich zur Wiederauflage des Entwurfs führte. In Zusammenarbeit mit den Erben von Ernst Moeckl und auf Basis des überlieferten technischen Know-hows gelang es, den Stuhl ab 2022 in einer Kleinserie erneut zu produzieren, leicht skaliert auf heutige Proportionen, aber der ursprünglichen Form und Idee verpflichtet.

Mit der Aufnahme des Z.Stuhls in seine Kollektion führt Richard Lampert diese Geschichte nun konsequent weiter. Das Stuttgarter Unternehmen ist bekannt für seine präzise kuratierte Auswahl an Möbeln, die gestalterische Klarheit, handwerkliche Qualität und historische Relevanz verbinden. Neben Entwürfen von Egon Eiermann, Herbert Hirche oder Paul Schneider-Esleben markiert der Z.Stuhl den ersten Kunststoffklassiker im Programm und erweitert das Spektrum um ein Objekt, das industrielle Innovation und kulturelle Bedeutung in besonderer Weise vereint. Gefertigt wird der Stuhl weiterhin bei Pestel PUR-Kunststofftechnik aus einem Monoblock und in Handarbeit lackiert, was den Anspruch „Made in Germany“ nicht als Marketingformel, sondern als gelebte Praxis verstehen lässt.

Die Präsentation in Mailand übersetzt diese vielschichtige Historie in eine räumliche Erzählung. Gestapelte Stühle im Schaufenster machen die Produktionsschritte sichtbar, von der rohen Form bis zur finalen Oberfläche. Eine Videoinstallation in Gestalt eines historischen Fernsehgeräts verweist auf die industrielle Herkunft des Entwurfs und verbindet Vergangenheit und Gegenwart. Die Farbwahl – allen voran das leuchtende Mimosengelb – verleiht dem Objekt eine zeitgenössische Präsenz, während schokoladenbraune Elemente bewusst an Farbcodes des DDR-Designs erinnern und die historische Dimension subtil mitführen.

Der Z.Stuhl erscheint so nicht als nostalgisches Relikt, sondern als zeitloses Gebrauchsmöbel, das auch heutigen Wohn- und Arbeitswelten gerecht wird. Mit und ohne Armlehne, stapelbar, pflegeleicht und für den Innen- wie Außenbereich geeignet, erfüllt er weiterhin jene funktionalen Anforderungen, die bereits seine frühe Verbreitung begünstigten. In seiner Wiederauflage zeigt sich, dass gute Gestaltung nicht an eine Epoche gebunden ist, sondern sich immer wieder neu behaupten kann, wenn sie aus einer klaren Idee heraus entstanden ist.

Das Revival des Z.Stuhls zur Milan Design Week 2026 ist damit mehr als die Rückkehr eines einzelnen Produkts. Es ist ein Statement für den bewussten Umgang mit Designgeschichte und für die Überzeugung, dass manche Dinge ein Comeback verdienen nicht aus Sentimentalität, sondern weil sie auch heute noch etwas zu erzählen haben.

 

Passende Artikel
Ernst-Moeckl-Z.Chair-Richard-Lampert Z. Stuhl
von Ernst Moeckl
€ 1.195,00 *
 
 
Ernst-Moeckl-Z.Arnchair-Richard-Lampert Z. Armlehnstuhl
von Ernst Moeckl
€ 1.395,00 *
 
 
Eiermann-Paravent-Egon-Eiermann-Richard-Lampert Eiermann Paravent
von Egon Eiermann
€ 1.980,00 *
 
 
Barwagen-Herbert-Hirche-Richard-Lampert Hirche Barwagen
von Herbert Hirche
€ 585,00 * € 650,00 *
 
 
TT54-spagettistuhl-Schneider-Esleben-Richard-Lampert TT54 Spagettistuhl
von Paul Schneider-Esleben
€ 370,00 *
Sofort lieferbar