Inspiriert von Corcovado und Copacabana: Die Rio Chaise Longue

Der hauptsächlich für sein architektonisches Werk bekannte Oscar Niemeyer wagte sich in den 1970er Jahren, gemeinsam mit seiner Tochter Anna Maria Niemeyer, auch auf das Gebiet des Möbeldesigns vor. Das Gespann entwarf in dieser Zeit mehrere Stühle, Sessel und Liegen. Die Niemeyer Liege von Fasem erhält ihren wiedererkennbaren Charakter durch drei an der Unterseite der Liegefläche befestigte Elemente aus formverleimtem Eschenholz. Das mittlere und größte der drei Elemente ermöglicht mit seiner an die Kufen eines Schaukelstuhls erinnernden Form ein Schaukeln der Liege nach vorne und hinten, wo sie von den beiden weiteren Formholzelementen sicher abgestützt wird. Die dünnwandigen und seitlich offenen Formholzteile erinnern dabei an kühne Stahlbetonkonstruktionen aus dem architektonischen Werk Niemeyers. In der Gesamtheit ergibt sich ein kurvenreiches skulpturales Erscheinungsbild für das – wie der Name vermuten lässt – die Stadt Rio die Inspiration lieferte. Der zum Zeitpunkt des Entwurfs bereits siebzigjährige Niemeyer führt nicht nur die hügelige Landschaft seiner Heimatstadt, sondern auch die weiblich gerundeten Formen der Brasilianerinnen ausdrücklich als Inspirationsquelle an.

Über Oscar Niemeyer

Oscar Niemeyer wurde im Jahr 1907 in Rio de Janeiro unter dem bürgerlichen Namen Oscar de Almeida Soares als Sohn eines Schriftsetzers geboren. Erst später nahm er den Nachnamen seiner über Portugal aus Deutschland eingewanderten Großeltern an. Er studierte von 1928 bis 1934 Architektur an der Escola Nacional de Belas Artes in Rio und arbeitete anschließend im Büro des Archtekten Lúcio Costa, eines frühen Vertreters der Moderne in Brasilien. Ab 1937 kam Niemeyer dort auch mit Le Corbusier in Kontakt, der gemeinsam mit Costa das Gebäude des  Ministeriums für Bildung und Gesundheit entwarf. Dieses, heute unter der Bezeichnung Kulturpalast bekannte Gebäude, ist das erste prominente, öffentliche Bauwerk Brasiliens, das in modernem Stil umgesetzt wurde. Auch später arbeiteten Niemeyer und Le Corbusier gelegentlich gemeinsam. Bei einigen Planungssitzungen zum UN Sekretariatsgebäude in New York – einem Entwurf eines international besetzten Architektengremiums – vertrat Niemeyer als Repräsentant Brasiliens gleichzeitig auch Le Corbusier, der als Schweizer für Frankreich am Entwurf beteiligt war.

Im Jahr 1945 trat Oscar Niemeyer der Partido Comunista Brasileiro bei. Gleichzeitig etablierte er sich in den 1940er Jahren als führender Vertreter der architektonischen Moderne in Brasilien. Sein bedeutendster Auftrag war dabei sicherlich die Planung der ab 1957 neu errichteten Hauptstadt des Landes, der inmitten des Regenwalds gelegene Planstadt Brasília. Während Lúcio Costa den Grundriss der neuen Stadt plante, war es Niemeyer, der sämtliche öffentliche Gebäude entwarf und damit dem brasilianischen Staat sein neues, offizielles Gesicht verlieh. Ab 1966 jedoch musste Niemeyer, dem als Kommunisten eine Verfolgung durch die 1964 an die Macht gekommene Militärdiktatur drohte, das Land verlassen und ging nach Frankreich ins Exil. Ab Ende der 1960er Jahre konnte er eingeschränkt nach Brasilien zurückkehren. Er lehrte in dieser Zeit an der Universidade Federal do Rio de Janeiro und entwarf unter anderem die Kathedrale von Brasília. Es dauerte jedoch noch bis 1982, bis Niemeyer endgültig in sein Heimatland zurückkehren konnte. Im Exil schuf er mehrere Bauten in Europa, so entwarf er Teile des Parteigebäudes der Französischen Kommunistischen Partei in Paris, die Maison de la Culture in Le Havre und den Hauptsitz des Arnoldo Mondadori Verlags in Mailand. Bereits 1957 hatte er mit einem im Rahmen der Internationalen Bauausstellung entstandenen Wohnhaus auch in Berlin Spuren hinterlassen. Auch in den Bereich des Möbeldesigns wagte sich Niemeyer noch ein weiteres Mal vor: 1985 entwarf er gemeinsam mit Federico Motterle mehrere Tische.

Oscar Niemeyers architektonischer Stil ist fest in der internationalen Moderne verankert, fügt ihr jedoch eine südländische Leichtigkeit und Eleganz hinzu. Er löste sich von der strengen Orthogonalität, die etwa Ludwig Mies van der Rohes Werk prägte und fand zu lebendigen, geschwungenen, runden Formen ohne den funktionalistischen Anspruch der Moderne zu vernachlässigen. Eine wichtige Rolle spielte dabei auch die Wechselwirkung zwischen der eigentlichen Form eines Bauwerks und dem umgebenden Umraum. Diese Negativformen erfahren bei Niemeyer eine fast ebenso große Wertschätzung wie die Gebäude selbst.

Die baulich in hohem Maße von Niemeyer geprägte Innenstadt Brasílias wurde genau wie das von ihm hinterlassene Archiv von Bauplänen und Zeichnungen zum UNESCO Welterbe erklärt. Auch darüber hinaus wurde Niemeyer mit zahlreichen Ehrungen bedacht. Schon 1949 wurde er Mitglied der American Academy of Arts and Sciences. Die französische Ehrenlegion nahm in 1970 als Ritter auf und beförderte ihn 2007 zum Kommandeur. Gemeinsam mit Gordon Bunshaft erhielt er 1988 mit dem Pritzker-Preis die renommierteste Auszeichnung, die einem Architekten zuteil werden kann. 1995 ernannte ihn die Universität von São Paulo zum Ehrendoktor, 1996 erhielt er die Goldmedaille des Royal Institute of British Architects und 2004 erhielt er den Praemium Imperiale in der Kategorie Architektur.

Im Jahr 1928 heiratete Oscar Niemeyer Anita Baldo, eine Tochter italienischer Einwanderer. 1930 wurde die gemeinsame Tochter Anna Maria geboren; sie blieb Niemeyers einziges Kind. Oscar Niemeyer überlebte nicht nur seine Frau, sondern auch seine Tochter. Im Jahr 2006 heiratete er im Alter von 98 Jahren seine 38 Jahre jüngere Sekretärin Vera Lúcia Cabreira. 2012 starb Oscar Niemeyer im Alter von 104 Jahren in seiner Heimatstadt Rio de Janeiro.


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