Original und Fälschung: Der Eames Plastic Chair

Der Eames Plastic Chair ist einer der erfolgreichsten und ikonischsten Stuhlentwürfe aller Zeiten. Charles und Ray Eames experimentierten ab 1948 mit Sitzschalen aus Kunststoff. Die größte Herausforderung lag dabei in der Beherrschung des Produktionsprozesses, denn erst wenn die industrielle Fertigung von Kunststoffteilen reibungslos und schnell erfolgt, kann sie ihre wirtschaftlichen Vorteile wirklich zum Tragen bringen. Die Fertigung relativ großer Teile, wie etwa Sitzschalen, war zum damaligen Zeitpunkt jedoch noch nicht problemlos möglich, so dass Charles und Ray Eames in Kooperation mit den Herstellerunternehmen einiges an Entwicklungsarbeit leisten mussten. Als Werkstoff für die Kunststoff-Sitzschalen wurde ein Fiberglas-Kunststoff gewählt. Die harte Entwicklungsarbeit wurde schließlich belohnt und die Manufaktur Zenith konnte die von den Eames entworfenen Fiberglas-Sitzschalen im industriellen Maßstab für den amerikanischen Möbelhersteller Herman Miller herstellen. Damit gelten Charles und Ray Eames als Entwickler des ersten Kunststoffstuhls. Ab 1950 brachte Herman Miller die Stühle auf den amerikanischen Markt, 1957 begann Vitra mit dem Vertrieb der Eames Plastic Chairs in Europa.

Bis heute produziert und vertreibt Vitra in Europa die Eames Plastic Chairs mit Lizenz des Eames Office und in enger Zusammenarbeit mit den Nachfahren von Charles und Ray Eames. Seit Jahrzehnten werden die Stühle nicht mehr aus den USA importiert, sondern unter Einhaltung höchster Qualitätsstandards in Europa.. Die Eames Plastic Chairs sind in zahlreichen Varianten mit verschiedenen Sitzschalen und Untergestellen sowie in unterschiedlichen Farb- und Polsterungsvarianten erhältlich. Außerdem wurden die Originalentwürfe im Laufe der Zeit behutsam an neue technische Gegebenheiten angepasst. So wurde die Sitzhöhe verändert, um der größeren durchschnittlichen Körpergröße gerecht zu werden. Das Material der Sitzschalen wurde auf Polypropylen umgestellt.

Zum Vergleich tritt der Plastic Chair in der beliebten Variante DSW an. Der Produktcode steht für „Dining Height Side Chair Wooden Base“, es handelt sich also um einen Stuhl mit einer Sitzhöhe von 43 cm, einer Sitzschale ohne Armlehnen und einem Untergestell mit hölzernen Beinen. Bei der Farbe der Sitzschale haben wir uns für klassisches Weiß entschieden, die Sitzschale ist ungepolstert und die Beine bestehen bei unserem Exemplar aus Ahornholz – ebenfalls eine klassische Wahl für dieses Modell. In der beschriebenen Ausführung kostet der original Plastic Chair von Vitra bei Markanto akutell € 385,00.

Das Vergleichsobjekt bestellten wir in der gleichen Ausführung. Der Eames Chair Replica schlägt jedoch deutlich günstiger zu Buche: mit € 85 kostet die Fälschung nur gut ein Fünftel des Originals. Das Angebot ist bei einem in XXXXXXXX ansässigen Onlinehändler zu finden und wird unter der Bezeichnung „Eames DSW“ angeboten – nach deutschem Recht ist diese Bezeichnung nur für das lizensierte Original zulässig.

Eames Untergestell Fake

Das gefälschte Untergestell des Eames Chair Replica zur Selbstmontage: unsaubere Verarbeitung und Plastikschrauben

Ein erster Unterschied zeigt sich gleich beim Auspacken. Während das Original sicher verpackt und fertig montiert geliefert wird, kommt die Fälschung in Einzelteilen – Gestell und Schale sind getrennt. Wir müssen also selbst den Schraubenschlüssel schwingen. Was zunächst einfach erscheint, erweist sich jedoch als erstaunlich umständlich. Nicht zuletzt, weil die Fertigungsgenauigkeit zu wünschen übrig lässt, und Gestell und Schale mit sanfter Gewalt in die richtige Position gebracht werden müssen. Dabei sind bereits erste Schäden sichtbar: die Muttern des Gestells bestehen aus Plastik und sind ihrer Aufgabe ganz offensichtlich nicht gewachsen. Gleich zwei Muttern sind bereits gerissen, was der Stabilität des Fake-Stuhls nicht gerade zuträglich ist. Er steht etwas wackelig, aber wir sind zunächst mal froh, die Montage geschafft zu haben. Uns sind auch Fälle bekannt, in denen bei gefälschten Eames Plastic Chairs die Gestelle schon bald nach der Montage endgültig gebrochen sind.


DSW Original und Fälschung

Links das Original von Vitra, rechts die Kopie: Man sieht direkt optisch erste Unterschiede

Werfen wir als nächstes einen Blick auf das Gesamtbild der Stühle. Bei flüchtigem Hinsehen erscheinen beide Stühle identisch. Auf den zweiten Blick erst offenbaren sich Detailunterschiede. So weicht die Farbe der Sitzschale etwas ab und auch ihre Form ist weniger fein konturiert. Der auffälligste Unterschied besteht in den Ausformungen an der Unterseite der Sitzschale, an denen das Gestell befestigt wird. Diese sind beim Original klein und dezent, während sie bei der Fälschung deutlich größer in Erscheinung treten und das Gesamtbild dadurch stören. Auf der Unterseite der Sitzschale trägt das Original außerdem einen Aufkleber mit dem Vitra-Logo. Das ist bei der Fälschung nicht der Fall.

Eames Original und Fäschung

Ein sichtbarer Unterschied sind die Schrauben: Beim Original von Vitra sind sie aus Metall und schwarz

Weitere Unterschiede zeigen sich am Gestell: Die in die Beine eingelassenen Schrauben sind beim Original schwarz lackiert, so dass sie mit den ebenfalls schwarz lackierten Diagonalstreben harmonieren. Bei der Fälschung sind die Schraubenköpfe silbern – hier fehlte dem Fälscher offenbar der Sinn fürs Detail. Auch der Farbton der hölzernen Beine selbst machte uns stutzig. Bei näherem Hinsehen stellte sich heraus, dass diese nicht aus Ahorn- sondern wohl eher aus Buchenholz bestehen. Dabei wird auf der Anbieterseite angegeben, es handele sich um Ahornholz. Ein genauer Blick auf die Beine offenbart auch eine weitere Schwäche: Die Kanten der Bohrungen und Einschnitte sind unversäubert und fasern aus. Dafür würde man nicht nur jedem Schreinerlehrling die Ohren lang ziehen, die abstehenden Fasern stellen auch eine echte Verletzungsgefahr dar.

Das Fazit fällt für die Fälschung vernichtend aus. Hier handelt es sich um einen – zumindest in Deutschland – illegalen Diebstahl geistigen Eigentums, der dreist unter dem Namen des Originals angeboten wird. Auch bei den Materialangaben, nimmt der Anbieter es mit der Wahrheit nicht so genau. Hinzu kommt eine Fertigungsqualität, die derart schlecht ist, dass man ohne auf eigene Faust vorgenommene Verbesserungen, wie etwa einem Abschleifen der faserigen Kanten oder einem Ersetzen der Plastikmuttern, kaum einen funktionsfähigen Stuhl erhält.

Eames Fake

Die Kopie ist von unten nicht gekennzeichnet, beim Original von Vitra ist das GS Zeichen (für Geprüfte Sicherheit, das Vitra und Eames Logo sowie das Produktionsdatum vermerkt

Wir können also sowohl unter juristischen als auch unter praktischen und gesundheitlichen Gesichtspunkten nur vom Kauf gefälschter Designermöbel abraten. Die Originale haben zwar ihren Preis, die hohen Anschaffungskosten relativieren sich jedoch angesichts der zu erwartenden langjährigen Nutzungsdauer und der hervorragenden Werterhaltung. Auch ein gebrauchtes Exemplar kann eine preisgünstige Alternative zu einem fabrikneuen Möbelstück sein. Obendrein entwickeln gerade hochwertige Möbel im Gebrauch eine charaktergebende Patina, die gebrauchten Stücken ihren ganz besonderen Charme verleiht. In unserem Vintagebereich präsentieren wir Ihnen eine ständig wechselnde kuratierte Auswahl gebrauchter Designermöbel.

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