Eine Ikone der Einfachheit: der Ulmer Hocker

Einfacher kann ein Möbelstück kaum sein: Der Ulmer Hocker ist auf das absolute Minimum reduziert und wurde gerade deswegen zum Designklassiker. Der zeitlose Entwurf überzeugt auch heute noch – nach mehr als sechzig Jahren. Zudem steht das vielfältig einsetzbare Objekt symbolhaft für die Hochschule für Gestaltung Ulm (HFG Ulm).

Drei Bretter und ein Rundholz

Zwar wurde der Lehrbetrieb der legendären, als „Bauhaus des Westens“ bekannten HfG Ulm bereits 1953 unter Gründungsdirektor Max Bill aufgenommen, eigene Räumlichkeiten gab es zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht. Weil zudem nur knappe finanzielle Mittel zu Verfügung standen, musste beim Bau des Hochschulgebäudes auf gespendete Materialien zurückgegriffen werden. Der Qualität tat der Sparzwang jedoch keinen Abbruch: Das von Max Bill entworfene Gebäude, das zu den ersten Stahlbetonbauten in Deutschland zählt, ist heute eine Architekturikone.

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Möblierung des Gebäudes. Sparsamkeit war oberstes Gebot und so entwarf Max Bill gemeinsam mit Hans Gugelot, der als Dozent ebenfalls an der HfG arbeitete, einen kostengünstigen, einfachen und multifunktionalen Hocker. Das Möbelstück wurde in der von Paul Hildinger geleiteten Werkstatt der HfG gefertigt. Es setzt sich aus drei Brettern und einem Rundholz zusammen und besteht überwiegend aus Fichtenholz – ein Werkstoff, der der HfG aus Materialspenden zu Verfügung stand. Die Bretter sind mit Fingerzinken zu einer U-Form zusammengefügt, die zusätzlich von einem, zwischen beiden Seitenteilen eingefügten Rundstab verstärkt wird. Dieser Rundstab, sowie kufenartige Verstärkungen an den beiden offenen Kanten der Seitenbretter bestehen aus Buchenholz, das durch seine größere Härte und Belastbarkeit dem gesamten Hocker Dauerhaftigkeit und Stabilität verleiht.

Der Entwurf der Ulmer Hockers wurde teilweise nur Hans Gugelot zugeschrieben. So schrieb Inge Aicher-Scholl, die Gründerin der HfG Ulm, in einem Leserbrief an die Südwestpresse am 29.07.1977 über Hans Gugelot: „Der HfG-Hocker ist ein Entwurf von Hans Gugelot. Wäre Gugelot nicht so früh verstorben, er würde heute unter dem Dutzend Designern der Weltklasse stehen, ohne jede Eigenpropaganda, gegen die er höchst allergisch war.” Für das befreundete Ehepaar Aicher-Scholl schuf Hans Gugelot 1954 auch ein Programm an Kindermöbeln, welches konzeptionell sehr dem Ulmer Hocker ähnelt. Otl Aicher galt zu der Zeit als einer der führenden deutschen Grafikdesigner und arbeitete als Dozent an der HfG Ulm, Inge Aicher-Scholl war die ältere Schwester der Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl (Weiße Rose) und Mitbegründerin der Volkshochschule sowie der HfG (Hochschule für Gestaltung in Ulm).

Der einfache und zugleich geniale Entwurf vereint zahlreiche Funktionen in sich. So dient der Rundstab gleichzeitig auch als Tragegriff, was im Hochschulbetrieb sinnvoll war, weil die Studenten die Hocker oft von einer Lehrveranstaltung zur nächsten mitnahmen. Dann konnten zusätzlich Bücher, Werkzeuge oder sonstige Utensilien auf der Unterseite der Sitzfläche abgelegt werden, wodurch der Hocker als Tragehilfe funktiuonierte. Auf seine Seite gestellt wird der Hocker zum Tischchen; stellt man ihn in dieser Weise auf einen Tisch, dient er als Rednerpult. Auf diese Funktion legte man an der HfG besonderen Wert, denn dass er sowohl von Studenten als auch von Professoren genutzt wurde, machte den Ulmer Hocker zu einem demokratischen Objekt. Darüber hinaus kann der Hocker zum Regalelement umgenutzt werden oder als Trittleiter herhalten, denn sowohl auf seinen Füßen stehend als auch auf der Seite liegend ist der Ulmer Hocker für diesen Einsatzzweck ausreichend belastbar.

Bald wurde der Ulmer Hocker nicht mehr nur für die interne Nutzung an der HfG, sondern auch für den externen Verkauf gefertigt. Im Jahr 1960 war er für elf Mark zu erwerben und fand insbesondere unter den HfG-Studenten zahlreiche Käufer. Seit 2011 ist die Designikone in einer lizensierten Reedition vom Zürcher Unternehmen wb form wieder erhältlich (vorher wurde der Ulmer Hocker für einige Jahre von Vitra produziert). Neben der klassischen Variante in unbehandeltem Fichten- und Buchenholz bietet wb form mittlerweile auch eine luxuriöse Ausführung aus Nussbaumholz, sowie eine Variante aus Birkenholz mit farbiger Lasur an; sechs Farben stehen hierbei zur Auswahl. Zusätzlich fertigt Zanotta noch eine Variante des Ulmer Hockers unter dem Namen Sgabillo.

Über die HfG Ulm

Die HfG Ulm entstand nach dem Zweiten Weltkrieg auf Initiative von Inge Aicher-Scholl, Otl Aicher und Max Bill mit dem Anspruch die Tradition des Bauhauses fortzuführen. Dementsprechend konsultierten die Gründer auch Walter Gropius, den zu diesem Zeitpunkt im amerikanischen Exil lebenden Gründer des Bauhauses, der ihnen bei der Konzeption der HfG Ulm beratend zur Seite stand. Auch die Bezeichnung „Hochschule für Gestaltung“ wurde vom Bauhaus übernommen. Nach einer mehrere Jahre dauernden Phase konzeptioneller, organisatorischer und finanzieller Planungen konnte die HfG Ulm den Lehrbetrieb im Jahr 1953 aufnehmen. Als Träger fungierte die Geschwister-Scholl-Stiftung, die zu diesem Zweck vom alliierten Hochkommissar John McCloy aus einem US-Fond zur demokratischen Erziehung der deutschen Bevölkerung eine Million DM erhalten hatte. Zu den ersten Dozenten zählte unter anderen Josef Albers.

Obwohl die HfG aufgrund interner Streitigkeiten und fortwährender Finanznöte nur bis 1968 bestand, konnte sie Architektur und Design, sowie die Organisationsstruktur von Design-Studiengängen in Deutschland nachhaltig prägen. Entwürfe für Elektrogeräte der Firma Braun, Züge der Hamburger Hochbahn und die Corporate Identity der Lufthansa entfalteten eine große Öffentlichkeitswirkung und festigten das Bild eines typischen Ulmer Stils, der sich durch funktionale Klarheit auszeichnet und der bis heute nachwirkt.

Der Gründungsdirektor Max Bill eignete sich besonders für die Fortführung der Bauhaustradition, weil er selbst neben der Zürcher Kunstgewerbeschule auch am Bauhaus studiert hatte. Er arbeitete nicht nur als Architekt und Designer, sondern auch als Maler und Bildhauer. Als Vertreter der Zürcher Schule der Konkreten waren seine Kunstwerke stark von geometrischen Formen bestimmt. Außerdem ist er für zahlreiche bildhauerische Umsetzungen von Möbiusbändern bekannt.

Hans Gugelot wurde 1920 in Makassar auf der heute indonesischen Insel Sulawesi geboren. Zum damaligen Zeitpunkt war die Insel Teil der Kolonie Niederländisch-Indien. Gugelot wuchs jedoch in der Schweiz auf, wo er zunächst an der Ingenieursschule in Lausanne und später an der ETH Zürich Architektur studierte. Anschließend arbeitete er bei verschiedenen Zürcher Architekturbüros, darunter auch demjenigen von Max Bill. Ab 1950 arbeitete Gugelot als selbstständiger Designer und widmete sich zunächst der Entwicklung des Systemmöbels M125. Dabei steht die Bezeichnung für das verwendete Modulmaß von 125 Millimetern. An der HfG leitete er ab 1958 die sogenannte Entwicklungsgruppe, die Entwürfe für externe Kunden entwickelte. Gugelots Entwürfe sind von Systematik und Funktion geprägt, so etwa auch ein weiterer Klassiker aus seiner Feder: der stapelbare Bierkasten aus Kunststoff.

Hans Gugelot mit Mitarbeitern in Ulm (Abbildung Copyright Guus Gugelot)

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