Jubiläen 3: 50 Jahre Steltman Chair von Gerrit Rietveld

Ein weiterer, wichtiger Designklassiker, der dieses Jahr sein 50jähriges Jubiläum feiert, ist sicherlich der von Gerrit Rietveld entworfene Steltman Chair. 1963 entwarf Rietveld den Stuhl für das Juweliergeschäft Steltman in Den Haag. Ursprünglich mit weißem Leder gepolstert, war der Steltman Chair in zwei Varianten möglich – die Armlehne ist wahlweise rechts oder links spiegelbildlich angeordnet. Die assymetrische Form ist ein typisches Merkmal für die Entwürfe Rietvelds mit einer offenen Komposition von Längs- und Querleisten.

Rietvelds Hauptwerk als Entwerfer und Architekt entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Mitglied der Künstlergruppe De Stijl, zu der auch Piet Mondrian und Theo van Doesburg zählten. Besonders die damals unkonventionellen Entwürfe des Rietveld-Schröder-Haus in Utrecht (heute Unesco-Weltkulturerbe) und der sogenannte Rot-Blaue-Stuhl mit der strengen Geometrie und die Verwendung der Primärfarben gelb, rot und blau setzen bis heute Maßstäbe.Während der Rot-Blaue-Stuhl zusammen mit weiteren Rietveld-Klassikern als Reedition schon von vielen Jahren von Cassina aufgelegt wurde, wurden im Jahr 2006 einige weitere bedeutende Möbel direkt von Mitgliedern der Familie Rietveld unter dem Label Rietveld-by-Rietveld aufgelegt. Dahinter steckt heute der Engelsohn Egbert Rietveld, mit dem Markanto eng zusammenarbeitet.

Gerrit Rietveld hat ein sehr umfangreicheres Werk hinterlassen: Es umfasst 215 Möbelentwürfe, 232 Gebäudepläne und 240 Entwürfe für andere Objekte. Dabei handelt es sich zum einen um konkrete Möbel, Unikate und Prototypen, zum anderen um Modelle, wovon nur Skizzen oder Entwurfszeichnungen existieren. Neben dem Steltman Stuhl umfasst die heutige Rietveld by Rietveld Kollektion die sogenannte Militärlinie (ursprünglich ab 1923 für ein katholisches Militär-Altersheim entwickelt), den Berliner Stuhl und den Crate-Sessel. Dabei werden diese Entwürfe laut Egbert Rietveld im Sinne seines Großvaters reproduziert und alles soweit wie möglich identisch ausführt. Allerdings werden dabei natürlich Kompromisse gemacht, wie auch Egbert Rietveld erläutert: „So hat etwa Gerrit Rietveld den Berliner Stuhl mit Buchenholzfüßen versehen, was den Zahn der Zeit aber nicht gerade gut überstanden hat. Das machen wir ebenfalls anders. Wir werden auch an Stelle von Nickel- oder Eisenschrauben Edelstahlflachrundschrauben verwenden. Also reproduzieren wir, aber gleichzeitig interpretieren wir, und dabei werden wir uns immer so entscheiden, dass keine Abstriche an die Qualität gemacht werden.”

Über Gerrit Rietveld

Rietveld, Gerrit Thomas (Utrecht, 24. Juni 1888 – Utrecht, 25. Juni 1964), niederländischer Architekt und Möbeltischler, lernte den Beruf des Möbeltischlers in der Werkstatt seines Vaters (1899-1906). Zwischen 1906 und 1911 belegte er Kurse im Architekturzeichnen, unter anderem bei P. Houtzagers in Utrecht.

1911 eröffnete er seine eigene Möbeltischlerei, während er abends bei P.J.C. Klaarhamers Architekturkurse besuchte (1911-1915). In dieser Zeit machte er die Bekanntschaft mit Van‘t Hoff, Van der Leck, Van Doesburg und anderen späteren Mitgliedern der Gruppe De Stijl, der er sich 1919 anschloss; seine Möbelentwürfe aus diesen Jahren in den Grundfarben rot, gelb und blau sind reine Umsetzungen der Auffassung von De Stijl.

Seit 1919 als selbstständiger Architekt in Utrecht niedergelassen, arbeitete er ab 1921 mit dem Innenarchitekten Truus Schröder-Schräder zusammen. Das Schröderhaus in Utrecht (1924) ist ein international bahnbrechender Entwurf, worin Rietveld sowohl die Ideen von De Stijl in Hinblick auf Funktion, Konstruktion, Form und Raum verarbeitete als auch die des Funktionalismus‘, der logischen Fortführung von De Stijl.

Ab 1923 arbeitete Rietveld zeitweilig mit Theo van Doesburg und Cornelis van Eesteren zusammen. 1928 war er Mitbegründer von CIAM (Congrès Internationaux d’Architecture Moderne).

Als De Stijl 1931 aufgelöst wurde, brach auch für Rietveld eine schwierige Zeit an. Seine Entwürfe für Arbeiterwohnungen wurden nie ausgeführt, und die moderne Architektur drohte durch den traditionalistischen „nationale Stijl“ überflügelt zu werden. Tatsächlich dauerte es bis 1955, bis Gerrit Rietveld wieder das Ansehen zuteil wurde, das er verdiente. So schrieb der Architekt Aldo van Eyck über Rietveld: “Ich bewundere Rietveld für sein künstlerisches Können und die großartigen Dinge, die er in der Zeit von De Stijl schuf. Ich bewundere ihn dafür, dass er eigenständig eine neue Architektursprache erfand, welche die Idee von Mondriaan und Van Doesburg erfolgreich umsetzte: ein befreiendes menschliches Habitat, eine Umgebung, deren Gestalt keinerlei Frustrationen entstehen lässt.”

In einer Lesung im Zentralmuseum zu Utrecht äußerte sich Gerrit Rietveld über sein Werk “Um für die Fortentwicklung und das Studium von allen Tradition befreit zu werden, empfindlich und rein genug, um Ursprung und Nährboden für das neue Leben zu sein, mussten viele Ideen erst besungen und dann gänzlich überwunden werden.

De Stijl und das Bauhaus haben hierfür viel getan. De Stijl ging beinahe wissenschaftlich auf die Suche nach den grundlegenden visuellen Elementen. Wir suchten nach den elementaren Dingen, den unteilbaren visuellen Eindrücken; wir zerlegten das weiße Licht in die drei Farben, die unser Auge wahrnehmen kann, und wir fanden heraus, dass die Wahrnehmung von Rot eine unteilbare Wahrnehmung war und darum ein reines primäres und elementares Gefühl. Mit diesen Gefühlen arbeiteten wir”.

Rietveld-by-Rietveld Kollektion

Steltman-Chair

Zu Beginn und Ende von Rietvelds Architektenlaufbahn stand ein und dasselbe Projekt: der Ausbau eines Juweliergeschäfts. Die Stühle für den Juwelier Steltman waren spiegelbildlich angefertigt und mit weißem Leder gepolstert. Die asymmetrische Form wirkt, ohne den Raum zu begrenzen – eine offene Struktur, wie Rietveld sie in all seinen Möbeln aus dem Zeitraum 1918-1924 zu realisieren versuchte.

Berliner Stuhl

Um 1923 stellte Rietveld zwei neue formale Elemente seiner Möbelentwürfe vor: die Asymmetrie und eine Komposition von Flächen. Beide resultieren aus einer konsequenten Weiterführung einer bereits zuvor gestellten Aufabe: Die Schaffung einer offenen räumlichen Struktur durch gleichwertige Elemente. Der ‚Berliner Stuhl‘ verdankt seinen Namen der Tatsache, dass er 1923 speziell für das Ausstellungszimmer von Rietveld und Hszar in Berlin angefertigt wurde. Dieser später häufig auch als ‚Plank Chair‘ bezeichnete Stuhl wurde auch in spiegelbildlicher Ausführung angefertigt.

Militärtisch

Rietveld entwarf diesen Tisch nach denselben Gestaltungskriterien wie den Militärstuhl, was die Verbindung der Längs- und Querleisten anbetrifft. Die Tischplatte ruht nicht direkt auf den Längsleisten, sondern auf einigen Querverstrebungen, wodurch eine besonders leichte Konstruktion entsteht. Rietveld experimentierte hiermit bereits 1918 beim Tisch für die Einrichtung von B. de Ligt.

Militärstuhl

Rietveld erhielt 1923 den Auftrag, Stühle für das katholische Militäraltersheim in Utrecht anzufertigen. Auftraggeber war P. van der Pluym, Inhaber des Geschäfts ‚Wessels‘. Bei diesen Stühlen sind die Stuhlbeine und die Querverstrebungen durch eine Steckkonstruktion miteinander verbunden, die durch Schrauben und Muttern verstärkt wird. Die kurze Lehne ist mit den gleichen Schrauben am Rückengestell befestigt.

Militärhocker

Der Militärhocker basiert auf denselben Konstruktionsprinzipien wie Militärstuhl und Militärtisch. Er wurde in unterschiedlichen Farbvarianten ausgeführt: in Schwarz und Weiß ebenso wie in verschiedenen Grautönen. Metz & Co in Amsterdam brachte die ‚Militärlinie‘ als erstes Unternehmen auf den Markt.

Crate Chair

Den Sessel Crate Chair entwarf Gerrit Rietveld 1934 als wirtschaftliche Alternative in der damaligen Wirtschaftskrise. Dabei wurde der Sessel ursprünglich aus Holzresten und Verpackungsmaterial produziert und als Bausatz zur Selbstmontage preisgünstig angeboten.

Mondial Chair

Der Aluminium-Stuhl mit dem charakteristischen K-Profilen ist ein späterer Entwurf Gerrit Rietvelds aus den 1950er Jahren und wahlweise mit und ohne Armlehnen.

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