Kleine Objekte mit Geschichte: Keramiken von Otto Lindig

Während die 8,5 cm hohe beige-farbige Vase eindeutig als Entwurf von Otto Lindig anhand der unterseitigen Signatur (Ausführung Liebefriede Bernstiel um 1939/40) sofort identifiziert werden konnte, stellte uns die dunkelrote Vase vor einem Rätsel. Denn zu einem war die Vase nicht von unten – wie bei Otto Lindig üblich – mit einer Signatur geritzt sondern handgemalt, zum anderen war das berühmte OL Signet unvollständig, schlecht leserisch und auch die Jahresangabe 1939/39 nicht nachvollziehbar. Denn laut dem Buch „Otto Lindig der Töpfer, 1990, Museen der Stadt Gera” gab es eine ähnlich große Signatur (aber auch geritzt) zwischen 1931 bis 1935 bei den sogenannten Jahresgaben, aber nicht 1938 oder 1939. Hintergrund dieser Jahresgaben war damals die Armut des Töpferateliers von Otto Lindig und seiner Mitarbeiter. Nachdem Lindig 1925 die Töpferwerkstatt des Bauhaus in Dornburg als Lehrwerkstatt der Staatlichen Bauhochschule Weimar bis 1930 erfolgreich weitergeführt hatte, kam es ohne die staatliche Unterstützung als Lehrbetrieb zu einer Verschlechterung der Auftragslage. In dieser Not gründete Otto Lindig und Freunde den Verein „Freunde der Domburger Keramik”, für eine Geldspende von 10 Reichsmark (teilweise wurde wohl auch mit Sachspenden wie Brot gezahlt) erhielten die Mitglieder einmal im Jahr dann eine sogenannte Jahresgabe. 1931/32 erhielten sie so eine Deckeldose, 1932/33 einen Teller, 1933/34 die Bauhaus-Kaffeekanne L und 1934/35 die hohe Vase (siehe unten). Aber laut der Literatur wurden diese Jahresgaben dann wohl eingestellt, es waren keine weiteren Präsente für die Freunde der Domburger Keramik bekannt. Hintergrund dürfte unter anderem sein, dass Otto Lindig 1937 für eine besonders große Vase den Grand Prix zur Weltausstellung in Paris erhielt und so international noch bekannter wurde, was die Auftragslage der Töpferei erheblich verbesserte.

War daher unsere dunkelrote Keramik eine Fälschung? Es begann eine spannende Recherche... Unsere erste Ansprechpartnerin war natürlich Christiane Bernstiel, die Tochter von Otto Lindig, die heute sein Erbe und das ihrer Mutter Liebfriede Bernstiel verwaltet. Gleichzeitig ist Christiane Bernstiel selbst eine bedeutende Töpferin, auf unserer Internetseite finden Sie einige ihrer Arbeiten. Aber auch ihr war diese seltsame Signatur und die Jahreszahl 1938/39 unbekannt. Anschließend fragten wir beim Bauhaus Archiv in Berlin nach, aber auch dort konnten wir keine weiteren Informationen erhalten. Der nächste Schritt war eine Anfrage bei dem erst vor kurzem gegründeten Bauhaus-Werkstatt-Museum Dornburg, aber dort konnte auch niemand etwas zur Signatur der Vase sagen. Aber in Dornburg erhielten wir den entscheidenen Tipp, das Keramikmuseum in Bürgel zu kontaktieren. Dort waren wir endlich erfolgreich - denn in der Sammlung befand sich eine identische Vase mit dieser Zeichensignatur und den Jahresangaben, die bereits vor ewigen Zeiten inventarisiert wurde. Ein Vergleich der beiden Vasen ergab, dass beide Keramiken von Otto Lindig stammen und dass es die sogenannten Jahresgaben anscheinend nochmals im Jahr 1938/39 gegeben hat. Die bisherigen Angaben in der Fachliteratur waren einfach unvollständig. Aber wieviele dieser Vasen damals angefertigt wurden und warum die Jahresgaben nochmals aufgelegt wurden, ist bis heute ungeklärt.

Die beiden Vasen haben wir nach der umfangreichen Recherche behalten, sie werden nicht zum Verkauf angeboten (aber gerne als Leihgabe). Aber in unserem Vintage-Bereich unserer Internetseite finden Sie zahlreiche weitere originale Objekte, die auf ihre Entdeckung warten....

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