Bauhaus aus Köln: Das Werk von Margarete Heymann-Loebenstein

Völlig in Vergessenheit geraten ist in Köln das Werk von Margarete Heymann-Loebenstein (später Margarete Heymann-Marks oder Grete Marks). Dabei gewinnen die Arbeiten der in Köln geborenen Keramikkünstlerin international immer mehr an Beachtung. Seit Jahren befasst sich Markanto nun schon mit ihrem Werk und präsentiert in einer Ausstellung ihre Keramikentwürfe aus den 1920er und 30er Jahren erstmalig in ihrer Heimatstadt Köln.

Ort: Markanto Depot, Mainzer Straße 26, 50678 Köln
Datum: 12.09.2014 bis 30.11.2014, jeden Samstag von 11.00 bis 18.00 Uhr

Zu unserer Vernissage am 12. September 2014 ab 19.00 Uhr im Markanto-Depot in der Kölner Südstadt laden wir Sie herzlich ein. Über Ihr Interesse an dem Werk der wichtigen Kölner Künstlerin würden wir uns sehr freuen.

Über Margarete Heymann-Loebenstein

Die jüdischstämmige Keramikkünstlerin wirkte vor allem im Deutschland der Weimarer Republik. Ihr Leben war nicht nur von persönlichen Schicksalsschlägen geprägt; sondern auch durch politische Rahmenbedingungen eingeengt. Nach einem Studium der Künste sowie einem Aufenthalt am Bauhaus in Weimar entschied sie sich für die Selbstständigkeit mit den Haël Werkstätten, die sie gemeinsam mit ihrem ersten Mann Gustav Loebenstein und dessen Bruder bei Berlin eröffnete. Margarete „Grete“ Heymann-Loebensteins experimentierfreudiges, avantgardistisches Schaffen erfuhr mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus ein jähes Ende. Die neuen Machtverhältnisse zwangen sie 1933 zur Aufgabe ihres Betriebs und 1936 zur Emigration nach Großbritannien, wo sie weiterhin künstlerisch tätig war, wenn gleich auch weniger erfolgreich. Sie blieb eine der wenigen Kölnerinnen, die jemals das Bauhaus besuchten und steht für eine moderne und emanzipierte Frau ihrer Zeit.

Abbildung links © Michael Lawrence / Dr. Ursula Hudson

Margarete Heymann-Loebensteins Gesamtwerk spiegelt die Einflüsse wieder, die die am 10. August 1899 in Köln-Lindenthal geborene Künstlerin (Cousine der Bühnenbildnerin Marianne Ahlfeld-Heymann) Zeit ihres bewegten Lebens durchwandert hat. Ihre Herkunft aus einer wohlhabenden Familie, der Vater Textilfabrikant, die Mutter verwandt mit Heinrich Heine, ermöglichte es ihr sich ihren musischen Talenten zuzuwenden. Anfangs fiel ihr wohl die Wahl zwischen Kunst und Musik schwer, zwischen 1916 und 1918 besuchte sie dann aber die Kunstgewerbeschule in Köln sowie die Düsseldorfer Kunstakademie. Ihr besonderes Interesse galt dabei ostasiatischer, vor allem japanischer Kunst. Nach dieser Ausbildung widmete sie sich verstärkt dem Handwerk und fand in der Töpferei ihre Ausdrucksmöglichkeit und Leidenschaft. Die Ergebnisse ihres Schaffens wurden erstmalig im Kölner Kunstverein im Jahre 1920 gezeigt.

Geburtshaus in der Kinkelstraße 9 in Köln (© Frances Marks)

Zu ihren Stationen zählte auch das noch junge Bauhaus in Weimar, welches die 21-Jährige 1920 zum Vorstudium bei Johannes Itten zuließ. Zudem besuchte Margarete Heymann-Loebenstein Kurse bei Gertrud Grunow, Georg Muche und Paul Klee. Unter der Leitung von Gerhard Marcks und Max Krehan arbeitete sie in der Keramikwerkstatt des Bauhaus in Dornburg. Im Herbst 1921 verließ sie aber nach einem Jahr das Bauhaus wieder, die Gründe dafür sind heute nicht mehr genau nachvollziehbar. Wahrscheinlich war Margarete Heymann-Loebenstein unzufrieden mit den Arbeitsbedingungen in Dornburg und auch den Urteilen der Bauhausmeister, die sie zwar für begabt, aber wohl nicht für die Bauhaus-Werkstatt geeignet fanden. Dennoch prägte dieser kurze Zeitraum den Stil der Künstlerin: Abstrakte und reduzierte Formen kombiniert mit opulenten und farbenfrohen Dekoren, die zum Teil an die Arbeiten von Paul Klee und Wassily Kandinsky erinnern.

Nach der Abkehr vom Bauhaus suchte sie ihr Glück erneut in Köln. Die Keramikwerkstatt in Frechen sowie ein Töpferkurs für Kinder an der Kölner Kunstgewerbeschule boten ihr die Möglichkeit zur freien Entfaltung. Das Angebot zur Anstellung in der Steingutfabrik Velten-Vordamm im brandenburgischen Marwitz führte sie 1922 schließlich nach Berlin; die Weimarer Hauptstadt sollte bis zur Emigration 1936 ihre Heimat bleiben. In ihrem neuen Tätigkeitsbereich wurde mit modernen Produktionsmethoden versucht, Kunst für die serielle Produktion nach Vorstellung des Leiters Hermann Harkort zu etablieren.

Mocca-Service der Hael Werkstätten

Schon bald standen auch private Veränderungen in dieser experimentellen Phase an, die das Arbeitsleben der Künstlerin nachhaltig verändern sollten. Margarete heiratete im August 1923 den Ökonomen Gustav Loebenstein. Gemeinsam mit ihm wandte sie sich der Selbständigkeit zu. Mit Hilfe ihres Ehemannes und dessen Bruder Daniel als wirtschaftlicher Leiter eröffnete sie noch im gleichen Jahr die Haël-Werkstätten für künstlerische Keramik in Marwitz. Der innovative Firmenname, zusammengesetzt aus den Anfangsbuchstaben des Ehepaars stand zugleich für das künstlerische Programm: Die Verbindung des Avantgarde-Designs der Moderne mit bodenständigem Handwerk. Die Gründung legte den Baustein für eine erfolgreiche Lebensphase, in der sie zwei Söhne gekam, in dem Betrieb arbeitete und das kosmopolitische Flair Berlins genoss. Im Zeitraum 1924 und 1930 entwickelte Margarete Heymann-Loebenstein eine große Vielfalt an hochwertigen Steingut- und Fayence-Produkten, unter anderem Schalen, Krüge, Vasen und Services. Die Geschäfte liefen gut: Haël-Keramik fand Abnehmer im In- und Ausland bis nach Amerika, Afrika und Australien; zum Teil arbeiteten bis zu 120 Mitarbeiter in dem mittelständischen Betrieb. Sowohl die schlichten Vasen und Schüsseln als auch die avantgardistischen Kreationen im Stil der Moderne und des Art Déco fanden weltweit bei einer modernen Käuferschaft Anklang. Die Haël-Werkstätten galten zu Recht als eine der wichtigsten und kreativsten Keramikproduktionsstätten dieser Zeit.

Margarete Heymann-Loebenstein und Gustav Loebenstein um 1927 (© Frances Marks)

Ein Schicksalsschlag änderte die Agenda des florierenden Unternehmens sowie das Leben der Künstlerin komplett. 1928 kamen Gustav und Daniel Loebenstein bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Margarete Heymann-Loebenstein muss nun die alleinige Verantwortung für das Unternehmen übernehmen – und das in den unsicheren Zeiten der Weltwirtschaftskrise. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen Keramikbetrieben, die während dieser Zeit den Betrieb einstellen mussten, konnte Margarete Heymann-Loebenstein die Haël-Werkstätten – wenn auch mit größeren Umsatzverlusten – aber durch diese Krise steuern.

Allerdings geriet die Manufaktur wie alle anderen jüdischen Betriebe Anfang der 1930er Jahre unter den sich verschärfenden politischen Verhältnissen unter Druck. Als jüdische Unternehmerin und moderne Künstlerin stand Margarete doppelt im Fokus der Nationalsozialisten. Bereits im Frühjahr 1933 folgte aufgrund von Denunziation durch Haël-Mitarbeiter als „Staatsfeindin” die Einstellung der Produktion und Margarete Heymann-Loebenstein flüchtete für kurze Zeit auf die dänische Insel Bornholm. Der gesamte Warenbestand wurde beschlagnahmt und die Firma dann Ende 1933 geschlossen. Überschattet wurde die Schließung noch durch ein besonders tragisches Ereignis in ihrem Privatleben: Ihr jüngster Sohn kam bei einem Wohnungsbrand in Berlin ums Leben.

Antisemitischer Hetzartikel in der Nazi-Propaganda-Zeitschrift „Der Angriff”, 1935
(© Zeitungs-Archiv Ofen- und Keramikmuseum Velten (bei Berlin))

Im Jahre 1934 musste Margarete Heymann-Loebenstein dann ihren Betrieb an den NSDAP-Funktionär und Generalsekretär des Reichsverbandes des deutschen Handwerks Heinrich Schild für 45.000 Reichsmark verkaufen, der dann zusammen mit der Keramikkünstlerin Hedwig Bollhagen im Mai 1934 dort die HB-Werkstätten gründete. Bis heute ist dieser Kauf und der Kaufpreis umstritten, da Margarete Heymann-Loebenstein vor der Weltwirtschaftskrise laut eigener Auskunft ein anderes Angebot über 300.000 Reichsmark für die Haël-Werkstätten ablehnte. Auch erschien 1935 in der Berliner Propaganda-Zeitschrift „Der Angriff” ein direkter Vergleich der Keramikentwürfe von Margarete Heymann-Loebenstein und Hedwig Bollhagen mit der Bildunterschrift: „Zwei verschiedene Rassen fanden für den selben Zweck verschiedene Formen. Welche ist schöner?” In dem selben Beitrag wurden die Keramikentwürfe von Margarete Heymann-Loebenstein als entartet bezeichnet.

Allerdings behielt Hedwig Bollhagen bis in die 1960er Jahre hinein einige Entwürfe ihrer jüdischen Vorgängerin im Programm der HB-Werkstätten und zahlte wohl auch die entsprechenden Lizenzgebühren. Über diese Übernahme und den Kaufpreis wird seitdem immer wieder diskutiert, bereits 1961 wurde Margarete Heymann-Loebenstein als Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung in der Bundesrepublik Deutschland anerkannt, 1992 erfolgte ein weiterer Vergleich mit dem Jewish Claims Conference, um die HB-Werkstätten nach dem Ende der DDR zu privatisieren. Im Jahr 2008 erstellte die Historikerin Dr. Simone Ladwig-Winters im Auftrag des Zentrums für zeitgenössische Forschung der Stadt Potsdam hierzu ein umfangreiches Gutachten, dass sich mit den Arisierungs-Vorwürfen auseinandersetzte. Das Gutachten lässt sich wie folgt zusammenfassen:

“Öffentlich erhobene Vorwürfe, die die Keramikerin Hedwig Bollhagen in die Nähe einer überzeugten Nazi-Anhängerin gerückt haben, treffen nicht zu. Desungeachtet zogen die HB-Werkstätten in Gründung und Aufbau Nutzen aus den Umständen der nationalsozialistischen Machtetablierung.”

Versuche, nach der Demütigung ein Leben in Berlin zu führen, scheiterten, die politische Situation zwang Margarete Heymann-Loebenstein 1936 zur Emigration nach Großbritannien. Sie hatte zwei Jahre nach dem Verlust ihres Betriebs zur Suche nach einem geeigneten Exilland genutzt. Ausstellen und Arbeiten durfte sie in dieser Zeit nur noch selten, lediglich kleine Arbeiten zuhause und an der jüdischen Schule in Berlin sind bekannt. Die Auswanderung mit ihrem zweiten Sohn gelang dank ehemaliger Geschäftspartner. Als die Künstlerin in England ankam, widmete sie sich ab 1937 wieder dem Design von Keramiken für englische Manufakturen wie die Tradtionsmarke Minton in Stoke-on-Trend. Nach dem Auslaufen ihres Vertrags nach einem halben Jahr konzentrierte sie sich auf freiberufliche Tätigkeiten, zum Beispiel in der Burslem School of Art. Das Leben in England bot ihr auch wieder die Möglichkeit Zeichnungen, Gemälde und Keramikarbeiten auszustellen. Nach der Heirat mit Harold Marks 1938 beschloss die 37-Jährige erneut den Schritt in die Selbstständigkeit. Sie gründete die Firma Greta Pottery, das Programm enthielt neben meist neuen Entwürfen auch einige wenige alte Formen ihrer Marke Haël. Doch trotz zahlreicher Unterstützer in der progressiven Londoner Designszene schaffte die Künstlerin es nicht, an ihren alten Erfolg in Deutschland anzuknüpfen. Ihre Entwürfe sind für die sich im Wandel befindende englische Keramikindustrie zu andersartig und wild. Gleichzeitig passte Margarete Heymann-Loebenstein mit ihrem selbstbewussten Auftreten und Aussehen nicht in die rollenspezifischen Vorstellungen der Zeit und rieb sich mit der traditionellen Töpferelite der Region. 

Die kriegsbedingte Aufgabe des Betriebes und der Umzug der Künstlerin mit ihrer neugeborenen Tochter in ein kleines Dorf in Derbyshire setzten den Endpunkt der eigenen Keramikproduktion. Ab 1945 eröffnete sie ein Atelier für Studiokeramik in London und verlagerte fortan ihren künstlerischen Schwerpunkt auf die Malerei. In dieser Phase ihres Lebens engagierte sie sich vermehrt als Lehrerin, Ausstellungen fanden nur noch vereinzelt statt. Margarete Heymann-Loebenstein kehrte nie wieder nach Köln oder nach Berlin zurück und starb 1990 in London.

Schale aus den Hael-Werkstätten, Entwurf vor 1924

Ihre Stücke aus Weimarer Zeiten gelten heute als begehrte Sammlerware, sind jedoch meist nur Designexperten bekannt. Das außergewöhnliche Leben der Kölnerin und ihr innovativer, einzigartiger Stil haben im heutigen Deutschland bisher nur wenig Beachtung erfahren. Margarete Heymann-Marks, wie sie zuletzt hieß, mischte als selbstbewusste, moderne Frau die staubige Keramikszene mit gewagten Designs und opulenten Dekoren auf. Sie versuchte das einfallslose Spitzendekor der damaligen Zeit durch anspruchsvolles modernes Dekor zu modernisieren. Dabei hatte sie stets die Herstellung von Keramik für das alltägliche Leben im Blick. Sie verfeinerte den Bauhaus-Einfluss mit ihrem eigenen avantgardistischen und von asiatischer Kunst beeinflussten Stil. Ein Teil ihres künstlerischen Vermächtnisses soll ab September 2014 im Markanto Depot in Köln, ihrer Geburtsstadt, einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Wir danken der Familie Marx, besonders Margarete Heymann-Loebensteins Tochter Frances Marx, und der Expertin Frau Dr. Ursula Hudson für ihre Unterstützung und ihren Rat.

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