Italienisches Design zu Gast in New York: Jubiläum einer richtungsweisenden Ausstellung

Die vom 26. Mai bis 11. September 1972 sowohl in den Innenräumen als auch im Garten des MoMa Museum of Modern Art in New York präsentierte Ausstellung „Italy: The New Domestic Landscape“ wurde von Emilio Ambasz kuratiert und erhielt finanzielle Unterstützung sowohl von der italienischen Regierung als auch von einem italienischen Außenhandelsverband und Unternehmen wie Olivetti, Fiat oder Allitalia. Sie umfasste neben 180 Möbeln und Gebrauchsgegenständen aus den 1960er und frühen 1970er Jahren auch zwölf sogenannte Environments – also etwa Rauminstallationen – die vom Museum beauftragt und speziell für die Ausstellung geschaffen wurden. Italien war zum damaligen Zeitpunkt bereits führend im Bereich des Produktdesigns und wurde vom Kurator Ambasz zugleich als Beispiel für eine Industrienation einschließlich ihrer typischen Probleme behandelt – Bevölkerungswachstum in den Städten, widerstreitende Arbeitshypothesen innerhalb des Designbetriebs und ein zunehmendes Misstrauen gegenüber ungebremstem Konsum. Hieraus erklärt sich der Untertitel der Ausstellung: „Achievements and Problems of Italian Design“.

Entsprechend vertraten fünf der zwölf Environments die Kontra-Design-Position. Sie gingen davon aus, dass die westliche Konsumwelt bereits so übervoll von Produkten ist, dass das Design neuer Dinge müßig ist und stattdessen soziale und politische Reformen nötig sind. So zeigten Superstudio in der Tradition ihrer sogenannten Istogrammi einen würfelförmigen Raum aus polarisiertem Spiegelglas mit Rastermotiv, der einen Bewohner mit Luft, Wasser und Nahrung versorgen, sowie mit Fernsehentertainment und einer simulierten Realität bei Laune halten würde. Archizoom präsentierte einen leeren Raum mit einer Klanginstallation in der zwei Stimmen um die Vorherrschaft rangen: während eine von der Zerstörung von Objekten und Gesellschaften berichtete, beschrieb die andere eine utopische Zukunft. Die Gruppo Strum, bestehend aus Piero Derossi, Giorgio Ceretti, Carlo Giammarco, Riccardo Rosso und Maurizio Vogliazzo, verzichtete gleich völlig auf einen physischen Beitrag zur Ausstellung und schrieb stattdessen drei Pamphlete.

Die übrigen Environments gingen hingegen von der entgegengesetzten Annahme aus, dass es gerade wohlgestaltete Objekte und Umgebungen sind, die die Lebensqualität zu steigern und gesellschaftliche Probleme zu überwinden vermögen. Sie richteten ihr Augenmerk auf die sich ändernden Lebensgewohnheiten und versuchten hierfür maßgeschneiderte Lösungen zu entwickeln. Hierzu zählten etwa Ettore Sottsass’ Kunststoffmöbel, die sich – auf Rollen gelagert – leicht neu arrangieren ließen oder Kunststoffelemente von Gae Aulenti, die zu multifunktionalen Raumausstattungen kombiniert werden konnten. Richard Sapper und Marco Zanuso präsentierten einen bewohnbaren Aluminiumcontainer, aus dem zwei Kunststoffschalen als zusätzliche Räume teleskopartig ausgeschoben werden konnten. Bei Mario Bellinis Beitrag „Kar-a-sutra“ handelte es sich um ein Auto, dessen großflächig verglaste Fahrgastzelle mit Ausnahme des Fahrersitzes zu einer einzigen Sitz- und Liegelandschaft und damit – daher der Name – potentiell zum Schauplatz einer rollenden Orgie umgestaltet werden konnte.

Die 180 ebenfalls für die Ausstellung ausgewählten Möbel und Gebrauchsgegenstände wurden vom Kurator in drei Gruppen kategorisiert: Objekte mit herausragenden technischen Aspekten oder ästhetischer Gestaltung, Objekte mit besonderen soziokulturellen Implikationen und Objekte für flexible und modulare Anwendungen. Unter den Objekten aller Kategorien finden sich zahlreiche bekannte Entwürfe, die in der Zwischenzeit zu Ikonen des italienischen Designs avanciert sind.

Zur ersten Kategorie zählt Emilio Ambasz etwa Joe Colombos Pokertisch von 1968, der über zusätzliche kleine Tischplatten verfügt, die sich an den vier Beinen ausfalten lassen und mit je einem Cupholder ausgestattet sind, den Stapelstuhl Selene von Vico Magistretti (1961) oder die bekannte Bogenleuchte Arco der Castiglioni-Brüder von 1962. Auch diese Objekte weisen bereits deutliche Abwandlungen gegenüber einem idealtypischen Vertreter des Typus Tisch, Stuhl beziehungsweise Leuchte auf, zur zweiten Kategorie zählt Ambasz jedoch nur solche Objekte, bei denen eine Verfremdung in satirischer, ironischer oder selbstreflexiver Weise erfolgt. Häufig ist das bei Entwürfen des Radical Design der Fall, etwa beim 1971 von Gionatan de Pas, Donato d’Urbino und Paolo Lomazzi entworfenen Sessel Joe in Form eines Baseballhandschuhs, oder bei dem unkonventionellen Liegemöbel Pratone, das Georgio Ceretti, Riccardo Derossi und Piero de Rossi 1972 entwarfen. Auch die Ready-mades der Castiglioni-Brüder – den Hocker Mezzadro und die Leuchte Toio – zählte Ambasz zur zweiten Kategorie.

In der dritten Kategorie der flexibel anwendbaren oder modularen Objekte fanden sich etwa der 1969 von Piero Gatti, Cesare Paolini und Franco Teodoro entworfene Sitzsack Sacco, Joe Colombos Tube Chair von 1969 oder Cini Boeris 1971 entworfene Endlos-Sitzbank Serpentone.

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