Markanto Ausstellung: Florence Knoll zu den Passagen 2019

IBM, CBS und General Motors: nur drei von zahlreichen Unternehmen, die sich von Florence Knoll einrichten ließen. Als Schülerin von Eliel Saarinen und Ludwig Mies van der Rohe leitete Florence Knoll in der Möbelfirma ihres aus Deutschland in die USA eingewanderten Mannes Hans Knoll die „Planning Unit” – und hatte das letzte Wort in allen Designfragen. Design und Innenarchitektur des 20. Jahrhunderts prägte sie wie kaum eine Zweite. Ihre Innovationen, etwa bezüglich der Einrichtung von Büroräumen, wirken bis heute nach. Während der Passagen 2019 zeigt Markanto eine Ausstellung, die sich ganz dem Werk der amerikanischen Designerin und Innenarchitektin widmet. Neben Florence Knoll Möbeln aus der aktuellen Kollektion von Knoll International sind auch rare Sammlerstücke und Prototypen zu sehen. Die Wiederauflage eines Beistelltischs, den Florence Knoll ursprünglich als Hocker konzipierte, feiert in der Ausstellung Europapremiere. Wir freuen uns auf Ihren Besuch:

Ort: Markanto Depot, Mainzer Straße 26, 50678 Köln
Datum: 14. bis 20. Januar 2019
Öffnungszeiten: Mo - Fr 14.00 bis 19.00 Uhr, Sa und So 11.00 bis 19.00 UhrVernissage: 18.01.2019 ab 19.00 Uhr (Passagen Cocktail)

Florence Knoll und der funktionale Stil

Die 1917 als Florence Schust in Michigan geborene Architektin und Designerin musste bereits früh den Verlust ihrer Eltern verkraften. Ihr Vater Frederick starb als sie fünf Jahre alt war, ihre Mutter Mina sieben Jahre später. Bedingt durch diesen Verlust besuchte die junge Florence Schust ab 1932 das Mädcheninternat Kingswood in Bloomfield Hills, Michigan. Das Internat war an die Cranbrook Academy of Art angegliedert, welche heute als das amerikanische Pendant zum deutschen Bauhaus gilt. Denn dort studierten oder lehrten amerikanische Designgrößen wie Charles Eames, Harry Bertoia oder Jack Lenor Larsen. Geleitet wurde die Cranbook Academy vom finnischen Architekten Eliel Saarinen, der nicht nur den einzigartigen Campus entwarf, sondern auch dafür sorgte, dass sich die Akademie zum Zentrum für moderne Architektur und Kunst in den USA entwickelte. Eliel Saarinen und seine Frau Loja bemerkten das Talent der jungen Florence Schust und nahmen sie wie eine Adoptivtochter in ihre Familie auf. Mehrfach reiste Florence Schust mit den Saarinens nach Finnland und zu bedeutenden architektonischen Stätten in Europa. Dabei entwickelte sich auch eine enge Freundschaft zu Eliel Saarinens Sohn, dem Architekten Eero Saarinen, der später einer der wichtigsten Designer für Knoll International werden sollte. Außerdem lernte sie über die Saarinen Familie befreundete Architekturgrößen wie Frank Lloyd Wright, Le Corbusier oder Alvar Aalto kennen.

Nach dem Schulabschluss wechselte Florence Schust folgerichtig an die von Saarinen geführte Akademie, bevor sie 1935 an der Architectural Association in London ihr Architekturstudium begann. Der Zweite Weltkrieg zwang sie, nach Amerika zurückzukehren, wo sie ihr Studium am Illinois Institute of Technology in Chicago abschloss. Dort lernte sie auch Ludwig Mies van der Rohe kennen, der ebenfalls zu einem wichtigen Mentor wurde. Von Mies, so fasste sie es zusammen, habe sie „mehr gelernt als von jedem anderen und das in weniger Worten“. Nach dem Studium begann Florence Schust ihre berufliche Laufbahn zuerst im New Yorker Architekturbüro von Marcel Breuer und Walter Gropius. Später arbeitete sie im Büro der Architekten Max Abramovitz und Wallace K. Harrison sowie als Freiberuflerin. Als Frau erhielt sie in der damals von Männern dominierten Branche die Aufgabe der Inneneinrichtung: „Da ich die einzige Frau war, wurde ich mit den anfallenden Innenräumen beauftragt.“ so Florence Knoll später in ihren Erinnerungen.

„Wenn es Florence nicht gefällt, dann wird es nicht gemacht.“

Durch ihre Arbeit als Innenarchitektin lernte sie Hans Knoll kennen. Der Spross der deutschen Walter Knoll Möbeldynastie hatte 1938 in New York die Möbelfabrik H. G. Knoll Furniture (später Knoll Associates) gegründet. Ab 1943 arbeitete Florence Schust in der Firma von Hans Knoll, 1946 wurden die beiden ein Ehepaar. Während Hans Knoll das Unternehmen geschäftlich führte, übernahm Florence Knoll die Leitung der „Knoll Planning Unit”, dem Herzen der Firma. In dieser Rolle hatte sie das letzte Wort in allen Designfragen, welche die Produktpolitik oder das Erscheinungsbild von Knoll betrafen. Außerdem erarbeitete die Planning Unit im Kundenauftrag innenarchitektonische Konzepte etwa für Universitäten oder Konzerne wie IBM, General Motors, Heinz Ketchup oder den Fernsehsender CBS, für den Knoll die Räume eines von Eero Saarinen entworfenen Gebäudes einrichtete. Auch die Showrooms, in denen Knoll die Möbelkollektionen präsentierte, wurden von der Planning Unit entworfen. Unter der Leitung von Florence Knoll entstand – getreu ihrem Motto „good design is good business“ – ein Produktportfolio mit Entwürfen namhafter Architekten und Designer wie Harry Bertoia, Eero Saarinen, Ludwig Mies van der Rohe, Pierre Jeanneret, Herbert Matter, Ralph Rapson, Jens Risom, George Nakashima, Richard Schultz, Isamu Noguchi oder Charles Pollock. Als eines der ersten Unternehmen publizierte Knoll dabei die Namen der Designer in allen Werbematerialien und setzte auf die künstlerische Bedeutung des Designs. So wurde Florence Knoll zur Mitbegründerin des Autorendesigns, behielt aber stets das letzte Wort. Gefiel ihr ein Entwurf nicht, musste entweder nachgebessert werden, oder das Produkt wurde nicht hergestellt.

Florence Knoll Sofa

Funktionales Sofa von Florence Knoll

Der bedeutendste Aspekt im Werk von Florence Knoll ist wahrscheinlich der Paradigmenwechsel in der Büroarchitektur, den sie anstieß. Sie krempelte das Erscheinungsbild von Büroräumen rund um die Welt gründlich um. Als Architektin dekorierte sie Büroräume nicht nur oberflächlich, sondern durchdachte sie von Grund auf und unter funktionalen Aspekten aus der Nutzerperspektive. Ihre Vision einer Arbeitsumgebung war die eines klar gegliederten Raumes im Sinne der klassischen Moderne. Der typische Chefschreibtisch war bis in die 1960er Jahre hinein eine Art Mahagonifestung, die diagonal im Raum positioniert wurde, die Tischplatte war meist von verschiedensten Unterlagen und Utensilien übersäht. Florence Knoll ersetzte ihn durch ein schlankes Möbelstück, das sie rechtwinklig und damit platzsparend im Raum positionierte. Damit die Tischplatte aufgeräumt blieb, sah sie zusätzliche versteckte Ablagemöglichkeiten vor. Auch andere Aspekte des Bürolebens revolutionierte Florence Knoll, so setzte sie erstmals Konferenztische mit ovaler Tischplatte ein, die es allen Konferenzteilnehmern erlauben, sich gegenseitig zu sehen. Um die innenarchitektonischen Entwürfe der Planning Unit zu visualisieren und mit den Kunden zu besprechen, verwendete Florence Knoll sogenannte Paste-Ups: Grundrisse und Zeichnungen, in die sie Holz-, Textil-, Leder- oder Farbmuster direkt einklebte. So konnte sie einen lebendigen Eindruck davon vermitteln, wie der fertig eingerichtete Raum aussehen wird.

Die innenarchitektonische Arbeit der Planning Unit wirkte auch auf das Produktprogramm von Knoll zurück. Einerseits griff Florence Knoll, die bei ihren Mitarbeitern unter dem von ihrem Mädchennamen abgeleiteten Spitznamen Schu bekannt war, für die Innenräume natürlich auf Möbel des eigenen Unternehmens zurück. Gab es aber einmal kein passendes Möbelstück, entwarf sie es kurzerhand selbst. Dabei sah sie sich selbst nie als Möbeldesignerin, wie sie 2001 bescheiden zu Protokoll gab: „Saarinen und Bertoia haben skulpturale Entwürfe geschaffen. Meine waren architektonisch.“ Dabei war es gerade der zurückhaltende Minimalismus ihrer Entwürfe, der dafür sorgte, dass sie sich gut in die jeweiligen Umgebungen einfügten, und der zu einem typischen Knoll-Look beitrug. Durch ihre Schlichtheit brachten die Möbel einerseits Farben und Bezugsstoffe sowie andererseits die skulpturalen Entwürfe eben von Bertoia oder Saarinen umso mehr zur Geltung. Diese funktionalen Entwürfe und der Einrichtungsstil wurden von zahlreichen Unternehmen weltweit aufgegriffen und nachgeahmt. Die internationale Presse feierte Florence Knoll, die 1960 als erste Frau auf dem Cover des Nachrichtenmagazins Spiegel abgebildet wurde.

Als Hans Knoll 1955 im Alter von 41 Jahren bei einem Autounfall starb, übernahm Florence zunächst alleine die Firmenleitung von Knoll Associates (bzw. Knoll International bei den Auslandsniederlassungen). 1958 heiratete sie den Bankier Harry Hood-Bassett, den sie als Klienten der Planning Unit kennengelernt hatte. Sie nahm den Namen Florence Knoll-Bassett an, stellte einen Geschäftsführer ein und zog nach Florida, wo Bassett Rinder züchtete. Sie leitete jedoch noch bis 1965 die Planning Unit und reiste dafür regelmäßig nach New York. Erst nachdem sie mit der Einrichtung des CBS-Gebäudes ihren letzten Auftrag vollendet hatte, zog sie sich ganz aus der Firma zurück. 1961 wurde Florence Knoll als erste Frau vom American Institute of Architects mit der Goldmedaille für Industriedesign ausgezeichnet. 1995 verlieh ihr die University of Miami die Ehrendoktorwürde. Florence Knoll führte über ihre Arbeit penibel Buch. Ihre gesammelten persönlichen Aufzeichnungen schenkte sie im Jahr 2000 der Smithsonian Institution, die sie in ihr Archiv für amerikanische Kunst aufnahm. Die Aufzeichnungen wurden als Offenbarung beschrieben und gelten für sich genommen bereits als Kunstwerk. 2003 erhielt sie von Präsident George Bush die National Medal of Arts. Dabei handelt es sich um die höchste Anerkennung, die die amerikanische Regierung an Künstler verleihen kann. Zuvor hatten sie unter anderen Isamu Noguchi, Robert Venturi oder Frank Gehry erhalten. Heute lebt Florence Knoll-Bassett mit über einhundert Jahren in einem Altersruhesitz in Florida (Stand 13.12.2018).

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